In diese Zeit des Umbruchs fällt seine Arbeit an der Oper Zaide, die aus heutiger Perspektive wie eine Vorstudie zu Mozarts zwei Jahre später entstandener Entführung aus dem Serail erscheint. Noch in Salzburg beschäftigt er sich mit dem damals beliebten »türkischen« Sujet auf Basis eines Textes des Salzburger Hoftrompeters Johann Andreas Schachtner, einem guten Freund der Familie. Vielleicht war das Stück noch für Salzburg gedacht, vielleicht hatte Mozart aber auch schon eine mögliche Verwendung in Wien unter Kaiser Joseph II. im Sinn.
So oder so bleibt Zaide ein Fragment von 15 Nummern, die ohne Ouvertüre und Finale sowie ohne vollständige Dialoge überliefert sind. Auf der Handlungsebene bedeutet das: Das Material bricht nach dem gescheiterten Fluchtversuch der Gefangenen ab, womit in der Schwebe bleibt, ob Soliman die Gestellten begnadigt oder bestraft.
Aus dieser Unvollständigkeit ergibt sich eine besondere Offenheit für die Deutung und Auseinandersetzung mit diesem »ernsten deutschen Singspiel«. Regisseur David Hermann kombiniert es mit Nummern aus Mozarts Schauspielmusik Thamos, König in Ägypten und schärft damit die dunklen Facetten des Zaide-Stoffes, der uns auf diese Weise unerwartet nah kommt und Assoziationen an die Brutalitäten und Zwänge unserer eigenen Gegenwart aufruft.
Mozarts persönlicher Wendepunkt geht einher mit einem Perspektivwechsel bzw. einer Fokusverschiebung in seinem Schaffen: Als höchst sensibel offenbart sich seine Betrachtung der menschlichen Seele, wie er sie in seinem Singspiel-Fragment vor Augen führt. So markiert das Werk einerseits den Beginn eines persönlichen Emanzipationsprozesses – von der Heimatstadt, vom Brotgeber, vom eigenen Vater – und kennzeichnet zugleich Mozarts Hinwendung zu einer neuen Ästhetik, die sich ganz dem Geist der Aufklärung verschreibt.
Auszug aus dem Magazin August / September / Oktober 2026.