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Opernappetizer

WRITTEN ON SKIN

George Benjamin / Martin Crimp (Text)

Oper in drei Teilen / Text von Martin Crimp nach der anonymen okzitanischen Erzählung Guillem de Cabestanh – Le cœur mangé / Uraufführung 2012, Grand Théâtre de Provence, Aix-en-Provence

Macht, Begehren und die zerstörerische Kraft der Wahrheit: Mit Written on Skin schufen George Benjamin und Martin Crimp eines der eindringlichsten Musiktheaterwerke unserer Zeit. Zwischen mittelalterlicher Legende und moderner Reflexion entfaltet sich ein packendes Drama um Kontrolle, Kunst und Selbstermächtigung.

Erleben Sie die Premierenserie von Written on Skin vom 1. März bis 5. April 2026.

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Bildunterschruft:
Iurii Iushkevich (The Boy) und Elizabeth Reiter (Agnès) © Barbara Aumüller

Inhalt

Handlung

»Written on Skin«

Drei Engel erwecken eine mittelalterliche Welt und deren Bewohner zum Leben: den Protector, der als Gutsbesitzer über Ländereien und Menschen herrscht, sowie dessen fügsame Ehefrau Agnès. Einer der Engel schlüpft in die Rolle des Boy und erhält vom Protector den Auftrag, ihn in einer Buchmalerei zu verherrlichen. Seine Anwesenheit versetzt aber insbesondere Agnès in Unruhe: Nachdem die Engel ihre Neugier entfacht haben, bittet Agnès den Boy, das Porträt einer »echten« Frau zu zeichnen, die sich genauso wie sie selbst nach Nähe sehnt ... Der Protector bemerkt, dass seine Ehefrau ihm gegenüber distanzierter ist als früher. Er will aber nicht wahrhaben, dass dies etwas mit dem Boy zu tun hat, den auch er so sehr bewundert. Zu spät: Als der Boy Agnès das fertige Porträt zeigt, erkennt sie sich selbst darin und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Der Protector leidet an dunklen Träumen und fühlt sich außerstande, auf Agnès’ Annäherungsversuche einzugehen. Er demütigt sie wieder und wieder, indem er behauptet, dass Agnès lediglich ein Kind sei. Wutentbrannt verweist ihn Agnès daraufhin an den Boy und offenbart, dass dieser ihr weitaus mehr Wertschätzung entgegenbringt. Der Protector stellt den Boy umgehend zur Rede, was diesen zu einer Notlüge veranlasst: Er behauptet, nicht mit Agnès, sondern mit deren Schwester Marie verbandelt zu sein. Als Agnès davon hört, fühlt sie sich vom Boy verraten. Sie fordert ihn auf, den Protector auf die brutalstmögliche Weise über ihr Verhältnis in Kenntnis zu setzen.

Der Boy erfüllt Agnès’ Bitte: Er legt dem Buch des Protector eine Seite bei, auf der er minutiös seine Liebesnächte mit Agnès beschreibt. Der Protector entscheidet sich daraufhin, den Boy zu töten. Das Herz des Verstorbenen setzt er anschließend seiner unwissenden Ehefrau zum Essen vor. Nachdem Agnès erfährt, was sie da eben verspeist hat, ist sie wie verwandelt: Sie bekundet erneut ihre Faszination für den Boy, entzieht sich der Gewalt des Protector und stürzt sich vom Balkon. Die drei Engel beobachten ihren Fall mit einer »kalten Faszination für das menschliche Elend«, ehe sie den Schauplatz verlassen und weiterziehen.

PLAY, AUGEN ZU UND OPER!

In Kürze reinhören in die Audioeinführung zu Written on Skin mit Dramaturg Maximilian Enderle! Alle weiteren Auftakt-Folgen finden Sie auf SoundCloud sowie auf Spotify und ApplePodcasts.

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Zum Werk – Tatjana Gürbaca, Inszenierung

Menschwerdung

»No! ist das erste Wort der Frau, die sich später Agnès nennen wird. Agnès, die Vierzehnjährige, Ehefrau und Eigentum des Protector, die nicht lesen kann, aber von einer inneren Unruhe getrieben wird. Agnès, die Wissbegierige, die aus der ihr zugedachten Rolle herauszuwachsen beginnt, eigene Wünsche entwickelt, sie artikuliert und verteidigt. Eine, die auf der Wahrheit beharrt, obwohl sie weiß, dass sie dafür mit dem Leben bezahlen wird. Dieses erste kleine Aufbegehren, dieses unscheinbare ›No!‹, markiert den Anfang einer Menschwerdung.

© Tobias Ostkreuz

Und um nichts Geringeres geht es in der Geschichte, zu der sich Martin Crimp und George Benjamin von der mittelalterlichen Sage um den Troubadour Guillem de Cabestanh inspirieren ließen. In Written on Skin wird aus dieser grausamen Legende jedoch weit mehr als ein Eifersuchtsdrama: Es entfaltet sich ein vielschichtiges Geflecht aus patriarchaler Kontrolle und Unterwerfung, Sinnlichkeit und Revolte, Zivilisation und der Ausbeutung der Welt. Die Oper verhandelt das Verhältnis von Sprache und Bild, von Bildern und Taten – und die alles verwandelnde, ebenso schöpferische wie zerstörerische Kraft der Kunst. [...]«

Auszug aus dem Magazin Februar / März 2026.



Aus unserem Magazin: Stimmen im Fokus

TEXT VON MAXIMILIAN ENDERLE

Die mittelalterliche Szenerie der Oper wird immer wieder mit Elementen der modernen Welt wie achtspurigen Straßen, Flugzeugen oder Parkhäusern überlagert. Analog dazu durchbrechen die Figuren die Illusion des Bühnengeschehens, indem sie in der dritten Person von sich selbst sprechen. »Die Figuren sind ihre eigenen Erzähler «, konstatiert George Benjamin. Und er führt weiter aus: »Unsere Darstellung ist nicht naturalistisch. Es ist offensichtlich, dass hier moderne Menschen in Rollen schlüpfen. Sie laden den Zuschauer auf eine Reise ein.«

In Gang gesetzt wird diese Reise von einer ungemein vielschichtigen Musik: George Benjamin, der im Alter von 16 Jahren der jüngste und letzte Schüler von Olivier Messiaen wurde, vereint in seinem Schaffen verschiedene Traditionslinien. Impressionistische Elemente à la Ravel und Debussy finden sich darin genauso wie die Klangsinnlichkeit seines Lehrers, die dichte Tonsprache Anton Weberns oder Anleihen bei der indischen Musik. Als Anspruch seiner Kompositionen formulierte George Benjamin: »Ich will etwas mit meiner Musik sagen, und das so klar und kompakt wie nur möglich. Ich will ein Maximum an Informationen schichtweise übereinanderlegen, aber so transparent, dass alles hörbar bleibt.«

Die Partitur von Written on Skin zeichnet mit einer feinnervigen, mal abgründigen, mal enthemmten Musik die Kräfteverhältnisse der Charaktere nach. Analog zu der im Text beschriebenen Kunst der Buchmalerei nutzt der Komponist die ganze Palette an instrumentalen Farben, um jeder Szene eine eigene atmosphärische Grundierung zu verleihen. Dank einer subtilen Dynamik und eines gläsernen Orchestersatzes bleiben dabei aber stets die Gesangsstimmen im Fokus der Aufmerksamkeit: Immer wieder ist zu vernehmen, wie die Figuren aneinander vorbeireden, sich voneinander abstoßen oder gegenseitig ins Wort fallen. Nur Agnès und dem als Countertenor besetzten Boy ist es vergönnt, vorübergehend in Liebesmomenten zusammenzufinden und ihre Gesangslinien umeinanderzuwinden.

Auszug aus dem Magazin März / April 2026.

»Wenn dies das Paradies ist,
wo ist dann die Hölle?«
Agnès, III. Teil

Zum Werk – Bo Skovhus, Protector

Hitchcock-artige Spannung

»Dass ich in Frankfurt den Protector in Written on Skin singe, ist wirklich eine glückliche Fügung: Im Vorfeld der Uraufführung 2012 wollte George Benjamin die Rolle eigentlich für mich schreiben. Gemeinsam mit Martin Crimp hatten wir uns bereits in Barcelona getroffen und über die Ideen der beiden gesprochen.

© Roland Unger

Doch obwohl ich schon damals das Werk wahnsinnig spannend fand, musste ich letztlich absagen: Nach der Premierenserie in Aix-en-Provence waren für zwei Jahre allerhand Gastspiele an anderen Opernhäusern geplant, die sich leider nicht mit meinem Zeitplan vereinbaren ließen. Bei meinem ersten Engagement an der Oper Frankfurt komme ich nun aber erfreulicherweise doch dazu, diese Rolle zu verkörpern!

George Benjamins Tonsprache ist für mich etwas ganz Besonderes: Sie ist unglaublich intensiv, ohne in falsche Extreme abzurutschen, erzeugt eine Hitchcock-artige Spannung und bleibt mit einem transparenten Orchestersatz durchweg sängerfreundlich. Leider erscheint mir auch eine Figur wie der Protector nach wie vor als sehr zeitgemäß: Als echter Patriarch versucht er, die Familie allein mit Gewalt und Drohungen zusammenzuhalten, wobei er seine Ehefrau Agnès expressis verbis als sein ›Eigentum‹ betrachtet. Dass Agnès ihn mit dem Boy betrügt, sieht er vielleicht auch deshalb nicht, weil er sie lediglich für ein passives Objekt hält. Oder er will es nicht sehen, weil er selbst von der Aura des jungen Künstlers fasziniert ist …«

Auszug aus dem Magazin März / April 2026.


Rund um Ihren Besuch

OPER IM DIALOG

Worte finden, mitreden, Fragen stellen, Begeisterung oder Verwunderung teilen ... Uns interessiert, wie Sie den Opernabend erlebt haben! Wir möchten gemeinsam mit Ihnen ins Gespräch kommen, um die Aufführung kritisch zu diskutieren. Zu ausgewählten Terminen laden wir externe Gäste ein, die Musiktheater aus ihrem jeweiligen Fachgebiet heraus betrachten und so den Dialog bereichern.

TERMIN
7. März, 21 Uhr, Holzfoyer

KINDERBETREEUNG

Die Betreuung von Kindern von 3–8 Jahren ist für Eltern, die die Vorstellung besuchen, kostenlos. Eine Anmeldung unter gaesteservice@buehnen-frankfurt.de oder Tel. 069 212 37 348 (bitte Rückrufnummer angeben) ist erforderlich – es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen. Weitere Nachmittagsvorstellungen mit Kinderbetreuung finden Sie hier.

TERMIN
15. März, 15.30 Uhr

KAMMERMUSIK

Die Kammermusik im Mai zur Premiere Written on Skin präsentiert ein Wechselspiel der Klangfarben: Wiener Klassik (Wolfgang Amadeus Mozart) trifft auf englische Musik der letzten 100 Jahre von Frank Bridge bis George Benjamin.

TERMIN
3. Mai, 11 Uhr, Holzfoyer

TICKETS BUCHEN

1., 5., 7., 13., 15., 21., 29. März / 5. April 2026

Tauchen Sie ein in die faszinierende Klangwelt von Written on Skin – und erleben Sie ein Musikdrama, das unter die Haut geht. Jetzt Tickets sichern!

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SZENENFOTOS Barbara Aumüller

FOTOS Tatjana Gürbaca (Tobias Ostkreuz), Bo Skovhus (Roland Unger)

Veröffentlicht am

26.02.2026

Willy-Brandt-Platz

Spielort

Willy-Brandt-Platz

60311 Frankfurt am Main

Anfahrt

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