Die mittelalterliche Szenerie der Oper wird immer wieder mit Elementen der modernen Welt wie achtspurigen Straßen, Flugzeugen oder Parkhäusern überlagert. Analog dazu durchbrechen die Figuren die Illusion des Bühnengeschehens, indem sie in der dritten Person von sich selbst sprechen. »Die Figuren sind ihre eigenen Erzähler «, konstatiert George Benjamin. Und er führt weiter aus: »Unsere Darstellung ist nicht naturalistisch. Es ist offensichtlich, dass hier moderne Menschen in Rollen schlüpfen. Sie laden den Zuschauer auf eine Reise ein.«
In Gang gesetzt wird diese Reise von einer ungemein vielschichtigen Musik: George Benjamin, der im Alter von 16 Jahren der jüngste und letzte Schüler von Olivier Messiaen wurde, vereint in seinem Schaffen verschiedene Traditionslinien. Impressionistische Elemente à la Ravel und Debussy finden sich darin genauso wie die Klangsinnlichkeit seines Lehrers, die dichte Tonsprache Anton Weberns oder Anleihen bei der indischen Musik. Als Anspruch seiner Kompositionen formulierte George Benjamin: »Ich will etwas mit meiner Musik sagen, und das so klar und kompakt wie nur möglich. Ich will ein Maximum an Informationen schichtweise übereinanderlegen, aber so transparent, dass alles hörbar bleibt.«
Die Partitur von Written on Skin zeichnet mit einer feinnervigen, mal abgründigen, mal enthemmten Musik die Kräfteverhältnisse der Charaktere nach. Analog zu der im Text beschriebenen Kunst der Buchmalerei nutzt der Komponist die ganze Palette an instrumentalen Farben, um jeder Szene eine eigene atmosphärische Grundierung zu verleihen. Dank einer subtilen Dynamik und eines gläsernen Orchestersatzes bleiben dabei aber stets die Gesangsstimmen im Fokus der Aufmerksamkeit: Immer wieder ist zu vernehmen, wie die Figuren aneinander vorbeireden, sich voneinander abstoßen oder gegenseitig ins Wort fallen. Nur Agnès und dem als Countertenor besetzten Boy ist es vergönnt, vorübergehend in Liebesmomenten zusammenzufinden und ihre Gesangslinien umeinanderzuwinden.
Auszug aus dem Magazin März / April 2026.