Zwischen Taktstock und Terminkalender: Was passiert eigentlich hinter den Kulissen des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters – und wer sorgt dafür, dass unzählige Proben, Planungen und Terminen am Ende zu einem reibungslosen Opern- oder Konzerterlebnis werden? Im Interview geben Orchesterdirektor und Referent des Generalmusikdirektors Raphael Rösler sowie Orchestermanagerin Maike Stumpf spannende Einblicke in ihren Alltag an der Oper Frankfurt.
Inhalt
Zwischen Taktstock und Terminkalender – Maike Stumpf und Raphael Rösler im Interview
Diana Hillesheim:
Ihr arbeitet jetzt seit etwa einem Jahr eng zusammen – erinnert ihr euch noch an eure erste Begegnung?
Raphael Rösler:
Ja, sehr gut sogar! Es war bei einer wunderbaren Rosenkavalier-Vorstellung, die – mit den üblichen zwei Pausen zwischen den Akten – vor, während und nach der Vorstellung viel Raum zum Austausch und zum Kennenlernen bot.
Maike Stumpf:
Ja, ich erinnere mich gut an diesen Tag! Die Idee damals war, einen Opernbesuch mit einem Kennenlernen zu verbinden. Ich werde nie vergessen, wie das Orchester ab »Hab mir’s gelobt« im 3. Akt förmlich abgehoben ist. Danach war spätestens klar, dass ich gerne hier arbeiten würde.
»Dann geht man mal zu einer Probe oder in eine Vorstellung und hört zu. Da bin ich einfach dankbar, dass ich sowas jeden Tag hören kann.«
DH:
Was liebt ihr an eurer Arbeit am meisten? Was treibt euch an – auch an stressigen Tagen?
RR:
Zunächst finde ich es schön, dass kein Arbeitstag wie der andere ist und ich mit Musik und Musiker*innen zu tun habe. Auch schätze ich – sowohl als Orchesterdirektor, aber auch als sein persönlicher Referent – die enge, vertrauensvolle, inspirierende und immer angenehme Zusammenarbeit mit Thomas Guggeis sehr. Und was gibt es Schöneres als den Moment am Abend in der Vorstellung oder im Konzert zu erleben, wenn aus den Noten, aber auch aus den vielen Ideen, Vorbereitungen, Gesprächen und Planungen endlich klingende Töne werden, die unsere Ohren, aber auch den Geist und das Gemüt erreichen.
MS:
Auch wenn gerade das eine Herausforderung ist, mag ich es, mit so vielen unterschiedlichen Menschen verschiedenster Tätigkeiten an der Oper zusammenzuarbeiten, die am Ende des Tages im Großen und Ganzen für das gleiche Vorhaben arbeiten. Natürlich verbringt man viel Zeit damit am PC zu sitzen, Sachen abzuarbeiten, E-Mails zu schreiben und Pläne zu machen. Das ist nicht romantisierbar. Aber dann geht man mal zu einer Probe oder in eine Vorstellung und hört zu. Da bin ich einfach dankbar, dass ich sowas jeden Tag hören kann. Ich bin einfach Fan von dem Orchester.
»Ich finde es schön, dass kein Arbeitstag wie der andere ist und ich mit Musik und Musiker*innen zu tun habe.«
DH: Du hast schon einige Stationen hinter dir und bist nun seit fast einem Jahr Orchesterdirektor. Worin unterscheidet sich diese Rolle für dich ganz konkret von deinen bisherigen Positionen im Bühnenbetrieb? Was macht dir vielleicht besonders Freude?
Größe, Vielfalt und Exzellenz
»Es ist das bislang größte Orchester und das größte Haus mit dem größten, abwechslungsreichsten und schönsten Spielplan, den ich mir vorstellen kann, was – neben dem hier täglich gelebten Streben nach Qualität und Exzellenz – wirklich große Freude bereitet.«
DH: Du bist noch relativ neu an der Oper Frankfurt – was hat dich im ersten Jahr am meisten überrascht?
Vielzahl an Projekten
»An der Oper bin ich neu, ja. Aber in Frankfurt bin ich schon seit über drei Jahren. Während meiner Zeit beim hr-Sinfonieorchester habe ich die Oper schon regelmäßig besucht und Museumskonzerte gehört. Es hat mich nicht ganz überrascht, aber ich finde es nach wie vor bemerkenswert an wie vielen Projekten man an der Oper zeitgleich arbeiten muss. Überrascht bin ich wiederum darüber, dass es funktioniert.«
Maike Stumpf
DH:
Was habt ihr voneinander gelernt?
RR:
Da Maike zuvor viel im Konzertbereich gearbeitet hat, hat sie oft einen frischen Blick auf die besonderen und oft auch besonders komplexen Prozesse eines großen Opernbetriebs. Dieser Blick und ihre Fragen lassen mich selbst auch bestimmte Aspekte hinterfragen und neu durchdenken.
MS:
Raphael und ich sind in gewisser Weise sehr unterschiedlich, aber ich glaube wir profitieren deshalb voneinander. Und er ist sehr erfahren in vielen Bereichen. Aber ich lerne auch immer noch sehr viel von meinen Kolleginnen im Orchesterbüro und den Orchesterwarten, weil sie das Haus und die Abläufe einfach viel besser kennen und wertvolle Erfahrungen mit mir teilen können. Darauf bin ich hier in meinem ersten Jahr angewiesen.
DH:
Viele sehen nur das fertige Konzert oder die Oper – wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei euch eigentlich aus?
MS:
Ich für meinen Teil hatte noch keinen ganz normalen Arbeitstag. Wie der Tag wird, entscheidet das E-Mail-Postfach und dann meine Fähigkeit zu priorisieren. Ich mache seit Tag 1 To-Do Listen und stelle so sicher, dass mir nichts durchrutscht. Ich schaue auch jeden Tag im KBB [Künstlerisches Betriebsbüro] vorbei. Da erfährt man am schnellsten die neuesten Neuigkeiten, da liegen die besten Snacks und die Kolleg*innen bringen mich immer zum Lachen.
DH:
Was sind Aufgaben, die man von außen komplett unterschätzt?
MS:
Ich glaube, dass zum einen vielen nicht bewusst ist wie komplex es ist, über 115 Musikerinnen und Musiker zu disponieren und zum anderen wie viel Vorlauf eine Produktion oder ein Konzert in der Organisation braucht.
DH:
Eure Positionen liegen nah beieinander und greifen ineinander – aber wo verlaufen für euch die klaren Unterschiede zwischen der Arbeit der Orchestermanagerin und der des Orchesterdirektors im Alltag?
MS:
Ein klarer Unterschied ist die Personal- und die Budgetverantwortung, alles Diplomatische und die Teamführung. Das liegt bei Raphael. Ich hingegen arbeite die internen administrativen Aufgaben ab und arbeite ihm in manchen Belangen zu.
DH:
Gibt es Produktionen oder Sinfoniekonzerte oder Projekte, die in dieser Spielzeit organisatorisch besonders herausfordernd oder besonders spannend waren?
RR:
Herausfordernd und spannend zugleich und schließlich auch musikalisch außerordentlich beglückend waren Amor vien dal destino und Punch and Judy: zwei Produktionen, die mit Blick auf die Orchesterbesetzung mit ungewöhnlichen Instrumenten und besondere Aufbausituationen, aber auch hinsichtlich der Probenplanung spannende Anforderungen an uns gestellt haben, aber auch zwei Werke die typisch Oper Frankfurt – außerhalb des Repertoires liegen und für mich persönlich eine große und bereichernde Entdeckung waren.
Sicher herausfordernd sind immer die Projekte, die zusätzlicher Organisation bedürfen. Zum Beispiel hat die Museums-Gesellschaft für das 8. Museumskonzert den Schlagzeuger Alexej Gerassimez eingeladen mit dem Schlagzeugkonzert „Speaking Drums“ von Peter Eötvös. Da muss man bedenken, dass ein Schlagzeuger andere Bedürfnisse als ein Instrumentalsolist hat. Zusammen mit den Kolleginnen der Museums-Gesellschaft versucht man dann alles so zu organisieren, dass es für alle passt. Ansonsten sind alle Premieren auf Ihre Weise interessant und spannend. Es gibt kein Schema F – irgendwas ist immer besonders kompliziert oder aufwändig.
DH:
Worauf freut ihr euch in der kommenden Saison besonders?
RR:
Das ist immer eine heikle Frage, wie die Frage danach, ob man einen Lieblingsverwandten hat. Aber als großer Martinů-Fan freue ich mich besonders auf die Neuproduktion Greek Passion. Und neben Wiederbegegnungen mit Alcina und Tannhäuser freue ich mich außerdem besonders auf die Erstbegegnung mit Le roi Arthus, da ich den Komponisten Chausson bislang nur im sinfonischen Bereich oder seine Klavierlieder kenne. Meine persönlichen Highlights im Konzert-Spielplan sind vor allem Programme mit ungewohnten und daher so spannenden Gegenüberstellungen von Musik von Hildegard von Bingen, Bach / Webern, Mozart, Schubert / Scherchen und Bruckner (November 2026) oder aber auch von Gulda und Brahms (Mai 2027).
MS:
Ich freue mich ehrlich gesagt darauf, dass ich in der nächsten Spielzeit etwas sattelfester sein werde, um dann mehr Raum zu haben mich weiterzuentwickeln und besser zu werden. Sich so richtig zurecht zu finden, braucht etwas Zeit. Und die nehme ich mir auch. Außerdem kann ich es kaum erwarten digitaler zu werden. Das ist aber ein langfristigeres Projekt.
DH:
Vielen Dank an euch beide!
Steckbriefe
Raphael Rösler
Herkunft
geboren in Mannheim und aufgewachsen in Bonn, beides am schönen Rhein gelegen
Ausbildung
Humboldt-Universität zu Berlin: Musikwissenschaft, Philosophie, Soziologie
Aktuelle Position
Orchesterdirektor / Referent des Generalmusikdirektors
Frühere Engagements
Raphael war in verschiedenen Funktionen an bedeutenden Häusern tätig, darunter im Künstlerischen Betriebsbüro der Komischen Oper Berlin sowie als freier Dramaturg für die Staatskapelle Berlin und das Deutsches Kammerorchester Berlin. Weitere Stationen umfassen Orchesterbüro und Projektmanagement bei der Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie, Konzert- und Operndramaturgie am Theater und Orchester Heidelberg und am Staatstheater Karlsruhe sowie eine Tätigkeit in der Geschäftsstelle der Stuttgarter Philharmoniker. Zuletzt war er als Orchestergeschäftsführer und Persönlicher Referent des Generalmusikdirektors am Theater und Orchester Heidelberg.
Instrumente
Klavier, Kirchenorgel (aber das ist sehr lange her)
Maike Stumpf
Herkunft
Hamm in Westfalen, dort wo der ICE aus Berlin getrennt wird, um dann nach Düsseldorf oder Köln zu fahren.
Ausbildung
Studium Musik mit Hauptfach Kontrabass, später Trainee-Ausbildung im Orchestermanagement des hr-Sinfonieorchesters
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