Nun heißt es Abschied nehmen für Hartmut Friedrich, Posaunist im Frankfurter Opern- und Museumsorchester. 40 Spielzeiten lang bestimmte der Takt des traditionsreichen Frankfurter Orchesters seinen Alltag. Dazu gesellt sich ein spannendes Hobby.
Er hat eine Sammelleidenschaft für Antiquitäten rund um das Frankfurter Theater: von alten Postkartenansichten, Besetzungszetteln aus den 1860er Jahren bis hin zu Almanachen. Was das ist, hat er uns im Interview erklärt.
Oper Frankfurt
Hartmut, du warst mehr als drei Jahrzehnte im Frankfurter Opern- und Museumsorchester tätig und hast dem Orchester dein Leben gewidmet. Bruckners 7. Sinfonie und das 5. Museumskonzert 2025/26 werden dein letzter Auftritt sein, bevor du in Rente gehst.Du bist in einem badischen Weindorf aufgewachsen und hast im Posaunenchor deine ersten musikalischen Erfahrungen gemacht. Erinnerst du dich noch an diesen Moment, in dem klar wurde: Musik wird mehr als ein Hobby?
Hartmut Friedrich
Ja, ganz genau, es war in Aix-en-Provence, ich spielte zum ersten Mal eine Sinfonie im Orchester – und zwar die Fünfte Beethoven mit dem Landesjugendorchester Baden-Württemberg. Ich dachte mir noch etwas naiv, dass ich mal Orchestermusiker werden will.
Oper Frankfurt
Das ist dir dann eindrucksvoll gelungen und du bist vor rund 40 Jahren an die Oper Frankfurt in das Opern- und Museumsorchester gekommen. Warum hast du dich für diesen Schritt damals entschieden?
Hartmut Friedrich
Frankfurt war und ist für einen Musiker sehr attraktiv, weil wir ein sehr großes Orchester waren – und dazu, damals wie heute, mit unglaublich netten Menschen besetzt. Trotz des großen Brands haben wir tolle Produktionen semikonzertant in der Alten Oper oder im Schauspielhaus aufgeführt.
Ein Posaunist für alle Fälle
Hartmut Friedrich spielte 40 Jahre mit Begeisterung im Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Er ist in einem badischen Weindorf geboren, wo er im Posaunenchor seine ersten Versuche mit seinem Instrument unternahm. Hartmut Friedrich besuchte ein musisches Gymnasium in Karlsruhe, sang im Chor, spielte drei Jahre im Landesjugendorchester Baden-Württemberg und im Bundesjugendorchester.
Nach dem Abitur studierte er an der Mannheimer Musikhochschule und nahm Unterricht in London. Es folgten zwei Jahre am Nationaltheater Mannheim, bevor er 1989 nach Frankfurt kam. Neben seinen musikalischen Aktivitäten verbringt er viel Zeit mit Gartenarbeit und steht auch gerne in der Küche, besonders wenn seine erwachsenen Kinder, Familie oder Freunde ihn besuchen.
Oper Frankfurt
Erinnerst du dich noch an deine erste Produktion oder dein erstes Konzert im Frankfurter Opern- und Museumsorchester?
Hartmut Friedrich
Als Musikstudent erlebte ich eine Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten unter Michael Gielen, die mich nachhaltig beeindruckte. Fünf Jahre später durfte ich von Richard Strauss’ Elektra semikonzertant in der Alten Oper Frankfurt spielen. Das war ein toller Start, trotz abgebranntem Opernhaus.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das seit 2023/24 von Thomas Guggeis als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt geleitet wird, ist eines der bedeutendsten Orchester im deutschsprachigen Raum. Zuvor bekleidete dieses Amt seit der Spielzeit 2008/09 Sebastian Weigle.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester wurde 2025 zum fünften Mal in der Kritikerumfrage des Fachmagazins Opernwelt zum »Orchester des Jahres« gewählt. Zu den früheren Generalmusikdirektoren zählen Sir Georg Solti, Christoph von Dohnányi, Michael Gielen, Sylvain Cambreling und Paolo Carignani. Der Name des Orchesters geht auf die Frankfurter Museumsgesellschaft zurück, eine 1808 von Frankfurter Bürgern gegründete Liebhaber- Akademie für alle Künste, die sich 1861 zum Konzertinstitut Museumsgesellschaft fortentwickelte. In den von der Museumsgesellschaft veranstalteten Museumskonzerten tritt das Orchester der Frankfurter Oper bis heute auch als Konzertorchester auf.
Oper Frankfurt
Vierzig Jahre in einem Orchester ist eine sehr lange Zeit. Auf welche Entwicklung blickst du in dieser Zeit zurück?
Hartmut Friedrich
Man lernt jeden Tag unheimlich viel dazu, das ist sehr wertvoll. Das Wichtigste aber ist: Zuhören. Das Hören auf die Anderen und auf die Sänger ist das Wichtigste für mich. Im Studium und in der Ausbildung generell ist man noch sehr fixiert auf sich. Doch dann kommt man in ein neues Universum, in dem man sein Plätzchen finden muss. Und auch toll ist, dass ich immer wieder neue Opern kennenlerne. Zum Beispiel Guercœur von Albéric Magnard. Die war mir vollkommen neu, das hatte ich noch nie vorher gehört.
Ein Klangkörper nationaler Exzellenz: Das Opern- und Museumsorchester im Jahr 2008
Oper Frankfurt
Was hat es dir bedeutet, Teil des Opern- und Museumsorchesters zu sein?
Hartmut Friedrich
Ich glaube, wir sind die letzten Jahre nicht umsonst sehr oft Opernhaus und auch Orchester [Anm. d. Red.: 1995, 2009, 2010, 2011, 2024 und 2025] des Jahres geworden. Mir gefällt auch die Art zu spielen. Die Stadt strahlt eine Offenheit aus, die sich im Orchester widerspiegelt. Wir suchen natürlich auch gezielt nach Leuten, die zu uns passen. Für mich persönlich sehr besonders war die Zeit unter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, er war mir sehr wichtig.
Oper Frankfurt
Du warst im Orchester die zweite Posaune. Was ist das für eine Position?
Hartmut Friedrich
Die zweite Posaune muss eine Verbindung schaffen, zwischen der ersten und der dritten. Und das habe ich auch über die Musik hinaus versucht: Das musikalische Beamtentum war nie mein Ding. Ich wollte nie Dienst nach Vorschrift machen. Bis zum letzten Tag will ich sagen können: Unser Beruf ist so wahnsinnig schön, so etwas Besonderes.
Hartmut Friedrich (zweiter von links) im Jahr 2008
Oper Frankfurt
Neben der Posaune hast du noch eine zweite Leidenschaft. Du sammelst sämtliche Dokumente rund um Opernaufführungen und das Theater in Frankfurt. Was ist schon alles in der Sammlung?
Hartmut Friedrich
Ich bin ein Sammlertyp und so besitze ich Theaterzettel, Almanache, Programme etc. aus über zwei Jahrhunderten und kann mich damit ein wenig in die Zeit hineinversetzen, als die Opern noch in der heutigen Alten Oper und davor im Schauspielhaus, dem sogenannten Commödienhaus gespielt wurden. Ich habe hier einen Zettel (kramt in der Box): Zum Beispiel wurde im Jahr 1862 Richard Wagners Lohengrin unter der Leitung des Komponisten gegeben. Das heißt: Richard Wagner war persönlich in Frankfurt und hat sein Werk dirigiert. Auch Goethes Mutter Catharina Elisabeth Goethe, von allen liebevoll »Aja« genannt, ging gerne in die Oper. Vielleicht hörte sie ja auch Wolfgang Amadeus Mozarts Don Juan oder Die Zauberflöte.
Oper Frankfurt
Wie bist du denn auf deine Sammelleidenschaft gekommen?
Hartmut Friedrich
Ursprünglich hat mich interessiert: Wie sahen das Schauspielhaus und die Oper damals aus? Und dann habe ich immer mehr entdeckt. Zum Beispiel diese alten Theaterzettel (kramt Theaterzettel hervor). Die hingen früher immer vor den Spielstätten in einem Kasten. Jeden Abend. Und zum Beispiel hier: Am 23. Dezember 1861 wurde der Freischütz gespielt. (Hält ein kleines Buch hoch.) Ich habe auch diese Almanache.
Oper Frankfurt
Was ist denn ein Almanach?
Hartmut Friedrich
Das ist so ein Vorläufer der Saisonbroschüre. Darin sind alle darstellenden Mitglieder und die Leute hinter der Bühne sowie Programme für ein Jahr verzeichnet. Letztendlich wurde darin alles dokumentiert. Lustig ist auch, dass die Musiker dort noch mit ihren Adressen verzeichnet sind. Da kann ich mir ansehen, wo meine Vorgänger gelebt haben. Auch wenn die Straßen heute ganz anders heißen.
Welche Geschichte steckt hinter dem Frankfurt Opern- und Museumsorchester? Erfahre es hier.
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Oper Frankfurt
Mittlerweile ist die Oper am Willy-Brandt-Platz daheim, gemeinsam mit dem Schauspiel. In welchen Häusern war die Oper noch zu Hause?
Hartmut Friedrich
Von 1880 an bis 1944 wurden die Opern in Frankfurt in dem Haus gespielt, was wir heute Alte Oper nennen. Frankfurt hat sich durch dieses Gebäude in die erste Liga katapultiert. Das war eines der größten und prunkvollsten Opernhäuser in Deutschland.
»Ich blicke sehr glücklich auf die letzten 40 Spielzeiten zurück.«
Oper Frankfurt
Hartmut, jetzt gehst du in die wohlverdiente Rente. Kannst du dich mit einem guten Gefühl verabschieden?
Hartmut Friedrich
Ja, ich meine, es ist so. Man weiß es einfach irgendwann: Bald ist auch für mich Schluss. Und das muss so sein: Das Orchester muss sich verjüngen. Und letztlich werden Orchester auch meist besser, weil immer bessere Leute nachkommen. Aber es stimmt schon: Als wir zum letzten Mal Lohengrin gespielt haben, da wusste ich – das war es jetzt. Ich werde diese Partie nicht mehr spielen. Aber ich blicke sehr glücklich auf die letzten 40 Spielzeiten zurück.
Bruckner zum Abschluss: Hartmut Friedrich in einer seiner letzten Proben mit dem Opern- und Museumsorchester
FOTOS
Hartmut Friedrich (Barbara Aumüller), Frankfurter Opern- und Museumsorchester (Sophia Hegewald), Diana Hillesheim
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