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Opernappetizer

TANCREDI

Gioachino Rossini

Melodramma eroico in zwei Akten / Text von Gaetano Rossi nach Voltaire / Uraufführung 1813, Teatro La Fenice, Venedig

Liebe, Verrat und ein missverstandener Brief, der alles verändert: Rossinis selten gespielte Oper erzählt von einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. Entdecken Sie die Hintergründe der Inszenierung, spannende Einblicke in das Werk und erfahren Sie, warum Rossinis Klangwelt bis heute ihr Publikum in den Bann zieht.

Erleben Sie die Premierenserie von Tancredi vom 7. bis 28. Juni 2026.

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Bildunterschruft:
Cláudia Ribas (Tancredi) © Monika Rittershaus

Inhalt

Handlung

»Tancredi«

ERSTER AKT

Die verfeindeten Rivalen Argirio und Orbazzano sehen ihre Heimat durch die Sarazenen bedroht. Um sich zu verteidigen, schließen sie ein Bündnis und schwören ihrem Land bedingungslose Treue. Anstelle des gemäßigteren Argirio soll Orbazzano die Führung im Kampf übernehmen. Als Zeichen ihrer neuen Verbundenheit verspricht Argirio ihm die Hand seiner Tochter Amenaide. Gegen Verrat im Inneren wird ein drakonisches Gesetz erlassen: Jeder und jede, der oder die mit dem Feind paktiert, soll hingerichtet werden.

Amenaide hat erfahren, dass sich ihr geliebter Tancredi, der vor vielen Jahren verbannt worden war, seiner Heimat nähert. Sie schreibt ihm einen Brief. Im Wissen, dass Tancredi nicht erkannt werden darf, nennt sie aus Vorsicht keinen Adressaten. Sie vertraut die Nachricht einem befreundeten Boten an, der den Brief heimlich an Tancredi überbringen soll. Kurz darauf eröffnet ihr Argirio, dass sie Orbazzano heiraten müsse. Entsetzt bittet Amenaide um Aufschub, doch ihr Vater fordert sie auf, sich ihrer Pflicht gegenüber dem Vaterland zu fügen.

Bei Nacht kehrt Tancredi inkognito in seine alte Heimat zurück. Voller Hoffnung sieht er dem Wiedersehen mit Amenaide entgegen. Als er vor ihr steht, ist sie jedoch bestürzt und abweisend. Aus Angst um sein Leben drängt sie ihn zur Flucht. Die Heirat Amenaides mit Orbazzano wird vorbereitet. Im Vertrauen darauf, dass niemand ihn von Angesicht kennt, da er noch ein Kind war, als er ins Exil ging, bietet Tancredi sich Argirio als unbekannter Kämpfer an. Als die Hochzeit Amenaides vollzogen werden soll, weigert sie sich. Da präsentiert Orbazzano den Brief, den sie heimlich Tancredi zukommen lassen wollte: Der Bote wurde abgefangen und getötet. Der Brief wird missdeutet und als Beweis dafür genommen, dass Amenaide den Sarazenen-Fürsten liebt und Hochverrat begangen hat. Als Verräterin droht ihr die Todesstrafe.

ZWEITER AKT

Amenaide soll hingerichtet werden. Es fehlt nur noch Argirios Unterschrift unter dem Urteil. Zerrissen zwischen seiner Liebe zur Tochter und seiner Pflicht gegenüber dem Vaterland ringt er mit seiner Entscheidung. Orbazzano drängt ihn, das Gesetz ohne Nachsicht anzuwenden. Er unterschreibt. Amenaides Vertraute Isaura beschuldigt Orbazzano, er wolle sich wegen der erlittenen Zurückweisung an ihr rächen. Er warnt sie jedoch, auch sie könne als Komplizin unter Verdacht geraten. In Ketten sieht Amenaide der Vollstreckung des Urteils Tod entgegen. Am meisten schmerzt sie, dass auch Tancredi sie für untreu hält.

Der Augenblick der Hinrichtung ist gekommen. Da bietet Tancredi sich dem gequälten Vater als Streiter für seine Tochter an, ohne ihm zu verraten, wer er ist. Orbazzano nimmt die Herausforderung des Unbekannten an, da er glaubt, leichtes Spiel zu haben. Voller Angst erwartet Amenaide den Ausgang des Zweikampfs. Tancredi siegt, Orbazzano stirbt. Tancredi wird zum neuen Anführer im Kampf gegen die Sarazenen ernannt.

Tancredi hat Amenaide zwar gerettet, hält sie jedoch nach wie vor für untreu. Er will den Tod suchen. Ein letztes Aufeinandertreffen der beiden bleibt ergebnislos, da Amenaide immer noch glaubt, sie müsse seine Identität verheimlichen und damit den wahren Adressaten des Briefes schützen. Im Kampf gegen die Sarazenen wird Tancredi tödlich verwundet. Erst im Sterben erfährt er, dass Amenaide ihn immer geliebt hat.

Zum Werk – Manuel Schmitt, Inszenierung

Ein Dorf im Ausnahmezustand

»Rossini kennen wir allzu oft nur als Meister der Komödie. Tancredi ist eines der weniger bekannten dramatischen und tragischen Werke des Komponisten. Rossini griff dabei auf einen im damaligen Europa beliebten Stoff zurück, dem zuvor auf der Schauspielbühne schon Voltaire in Frankreich und Goethe in Deutschland zu großer Bekanntheit verholfen hatten.

Manuel Schmitt © Stefan Loeber

Im Zentrum unserer Inszenierung steht ein Dorf im Ausnahmezustand. Es fühlt sich von einer fremden Gefahr (den ›Sarazenen‹) bedroht, ist in sich zerstritten und zerfressen von Angst vor dem Fremden sowie gegenseitigem Misstrauen. Ein Ort, wo Heimat, Idylle und Gemeinschaft in Abschottung und Gewalt umschlagen. Dort wird Amenaide beschuldigt, mit dem Feind zu paktieren, sich gegen die Gemeinschaft zu stellen und ihren eigenen Weg gehen zu wollen. Doch als Tancredi nach langer Abwesenheit inkognito zurückkehrt, verteidigt er seine geliebte Amenaide gegen diese Anschuldigungen – auch wenn er selbst nicht mehr an ihre Liebe glaubt. Er wird zum Helden der Gemeinschaft, bis er schließlich im Kampf gegen den Feind fällt. So erzählt Tancredi von einer Gesellschaft, die sich aus Angst radikalisiert, aufrüstet und Feindbilder produziert – so dass am Ende sogar ein Vater bereit ist, die eigene Tochter zu opfern. Ein Krieg im Kleinen. Der Krieg zwischen uns. Und der Krieg in uns, der die Idylle des Dorfes zerstört und schließlich zum Tod von Menschen führt.«

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni 2026.

PLAY, AUGEN ZU UND OPER!

In Kürze reinhören in die Audioeinführung zu Tancredi mit Dramaturg Konrad Kuhn! Alle weiteren Auftakt-Folgen finden Sie auf SoundCloud sowie auf Spotify und ApplePodcasts.

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Aus unserem Magazin: Rossini-Fieber

TEXT VON KONRAD KUHN

Das Rossini-Fieber ist lange verklungen, und die komischen Opern des Meisters aus Pesaro haben seine ernsten in den Schatten gestellt. Im Falle Tancredi mag die ungewöhnliche Besetzung der Titelpartie mit einem Mezzosopran dazu beitragen, dass das Werk so selten gespielt wird. Waren die Heldenrollen in der Hochzeit des Belcanto stets mit einem Kastraten besetzt, so blieb diese Erwartung an das Stimmfach bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein bestimmend. Da es jedoch kaum noch Kastraten gab, kam es zur Konzeption des Tancredi als Hosenrolle, die von ganz eigenem Reiz ist. Berühmte Sängerinnen wie Giuditta Pasta (Bellinis erste Norma) oder Pauline Viardot-García, die Tancredi noch 1840 am Pariser Théâtre-Italien sang, hatten die Partie im Repertoire.

Das Libretto von Gaetano Rossi fußt auf der Tragödie Tancrède von Voltaire aus dem Jahr 1760, die Johann Wolfgang von Goethe 1802 ins Deutsche übertrug. Voltaire entnahm den Namen seines Titelhelden dem Epos Gerusalemme liberata von Torquato Tasso aus dem 16. Jahrhundert. Darin tritt der Kreuzritter Tankred von Tiberias auf, der seine Heldentaten um 1100 vollbrachte und in Monteverdis dramatischem Madrigal Il combattimento di Tancredi e Clorinda den Weg auf die Opernbühne fand. Der Ursprung des Namens ist normannisch; die Wikinger, Seefahrer aus dem hohen Norden, hatten sich an Frankreichs Ärmelkanalküste angesiedelt und hießen fortan »Normannen«. In dem Ort Hauteville in der heutigen Normandie lebte ein gewisser Tankred. Einige seiner Söhne zogen nach Süditalien, um sich dort Ländereien zu erobern. Einer von ihnen, Robert Guiskard, ging 1061 zusammen mit seinem Bruder Roger nach Sizilien und beendete dort die arabische Vorherrschaft. Voltaires Tragödie und im Anschluss daran auch Rossis Libretto spielt jedoch im Jahr 1005. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der ursprünglich griechischen Stadtgründung Syrakus, die ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. von den Römern regiert und im Lauf des Mittelalters von Byzanz beherrscht wurde, noch keine Normannen. Man sieht: Mythische Gestalten und Vorgänge klingen an, die Geschichte entbehrt jedoch jeder historischen Grundlage. Zudem verkürzt das Opernlibretto wesentliche Motive der Handlung so stark, dass die Figuren nur durch die Musik Kontur gewinnen.

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni 2026.

»Angst ist am beängstigendsten, wenn sie diffus, gestreut, unklar, ungebunden, unverankert, frei fließend ohne eindeutige Adresse oder Ursache ist; wenn sie uns ohne ersichtlichen Grund verfolgt, wenn die Bedrohung, die wir fürchten sollten, überall zu erahnen, aber nirgendwo zu sehen ist.«
Zygmunt Baumann, Liquid Fear (2010)

Zum Werk – Cláudia Ribas, Tancredi

Im Bann von Rossinis Klangwelt

»Der Tancredi ist meine erste Rossini-Partie, der hoffentlich noch viele folgen werden! Ich empfinde seine Musik als technisch anspruchsvoll. Sie zieht mich immer in ihren Bann. Tancredi wird selten gespielt, aber das erlaubt uns natürlich nicht, allzu frei mit der Musik umzugehen. Rossinis Schaffen ist sehr gut erforscht, es gibt eine große Tradition. Also muss ich die Partitur von Anfang bis Ende genau studieren: zuerst die musikalische Seite, dann den Text, damit ich genau verstehe, was die Figur in welchem Moment zu sagen hat.

Cláudia Ribas © Barbara Aumüller

Außerdem suche ich mir Hilfe bei einem erfahrenen Korrepetitor, wenn ich auf Passagen stoße, bei denen es mir zunächst schwerfällt, die Notation nachzuvollziehen. Ich habe schon einige Hosenrollen interpretiert. Ich finde, sie können sehr interessant sein, wobei ich die Bösewichter meist spannender finde als die Liebhaber. Tancredi ist auf jeden Fall ein Liebender, aber er hat auch eine kriegerische Seite. Das macht ihn als Charakter vielschichtig. Ich freue mich auf diese Aufgabe!«

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni 2026.


Rund um Ihren Besuch

BRÜCHE – DEMOKRATIE IN ZEITEN IHRER REGRESSION

Panel zum Thema »Antidemokratische Mobilisierung und die Macht der Gefühle« sowie Nachgespräch im Anschluss an die Vorstellung.

MIT Prof. Dr. Vera King, Prof. Dr. Stefan Lessenich, Manuel Schmitt (Regisseur Tancredi), Konrad Kuhn (Moderation)

TERMIN
20. Juni, 15.30 Uhr, Chagallsaal, Eintritt frei

OPER IM DIALOG

Worte finden, mitreden, Fragen stellen, Begeisterung oder Verwunderung teilen ... Uns interessiert, wie Sie den Opernabend erlebt haben! Nach ausgewählten Vorstellungen möchten wir gemeinsam mit Ihnen ins Gespräch kommen, um die Aufführungen kritisch zu diskutieren. Zu ausgewählten Terminen laden wir externe Gäste ein, die Musiktheater aus ihrem jeweiligen Fachgebiet heraus betrachten und so den Dialog bereichern.

TERMIN
20. Juni, 21.15 Uhr, Holzfoyer

FRIEDMAN IN DER OPER

Regressionen und Radikalisierungen: Das sind Themen, die uns heute umtreiben – in Rossinis früher Opera seria werden sie verhandelt. Darüber diskutiert MICHEL FRIEDMAN mit der Politikjournalistin und Buchautorin MELANIE AMANN. Die ehemalige Stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichtenmagazins Der Spiegel ist auch mit ihrem Buch Angst für Deutschland von 2017 über den Aufstieg der AfD bekannt geworden.

TERMIN
23. Juni, 19 Uhr, Opernhaus

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7., 11., 17., 20., 22., 24., 26., 28. Juni 2026

Erleben Sie Rossinis selten gespieltes Meisterwerk Tancredi an der Oper Frankfurt – ein bewegendes Drama zwischen Liebe, Verrat und Heldentum.

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SZENENFOTOS Monika Rittershaus

FOTOS Cláudia Ribas (Barbara Aumüller), Manuel Schmitt (Stefan Loeber)

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Veröffentlicht am

03.06.2026

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Willy-Brandt-Platz

60311 Frankfurt am Main

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