Wie findet eine junge Sopranistin ihre eigene Stimme und erzählt mit ihr Geschichten auf der Opernbühne? Im Interview gibt Julia Stuart Einblicke in ihre Entwicklung im Frankfurter Opernstudio, prägende Rollen, inspirierende Vorbilder und ihren Weg zur selbstbewussten Künstlerin.
Mitglied des Opernstudios der Oper Frankfurt (seit der Spielzeit 2024/25)
Partien an der Oper Frankfurt
Eine Priesterin (Aida)
Clotilde (Norma)
Blumenmädchen (Parsifal)
Schatten eines jungen Mädchens (Guercœur)
Second Niece (Peter Grimes)
Internationale Engagements
Fiordiligi in Mozarts Così fan tutte an der Opera Saratoga
Ausbildung
Juilliard School (New York)
Bachelor of Music an der University of California (Los Angeles)
Video: Soiree des Opernstudios
Julia Stuart präsentierte am 11. November 2025 im Rahmen der Soiree des Opernstudios zwei Arien: Charles Gounods Je veux vivre (0:00:00) sowie Gaetano Donizettis Piangete voi? … Al dolce guidami (0:16:32).
Durch den Gesang Geschichten erzählen – 4 Fragen an Julia Stuart
Franziska Schmidt:
Hey Julia! Du bist nun die zweite Spielzeit bei uns im Opernstudio, wie hat sich Deine Karriere seit Deinem Einstieg 2024 bei uns entwickelt?
Julia Stuart:
Ich habe so viele unglaubliche Erfahrungen gesammelt! Mein professionelles Europa-Debüt letzte Saison war einfach surreal. Es ist wirklich ein euphorisches Gefühl, auf einer Bühne dieser Größe zu singen. Seit ich im Opernstudio bin, hat sich meine Stimme enorm weiterentwickelt und meine Technik ist viel besser geworden. Ich finde meinen eigenen Klang und das Repertoire, das zu mir passt. Diese Phase meiner Entwicklung ist so wichtig, weil ich gerade erst anfange, herauszufinden, wer ich als Künstlerin bin und wie ich durch den Gesang Geschichten erzählen möchte. Meine Stimme hat sich in nur einem Jahr so sehr verändert – ich entdecke all diese neuen Fähigkeiten, die ich vor meiner Ankunft hier noch nicht hatte. Es ist so aufregend!
»Das Frankfurter Opernstudio hat mich zu einer besseren Sängerin und selbstbewussteren Künstlerin gemacht und mir wertvolle Erfahrungen für meinen späteren Erfolg [...] ermöglicht.«
FS:
Deine ersten Aufgaben an der Oper Frankfurt beinhalteten u.a. Partien in Aida, Norma, Parsifal, Guercœur und Peter Grimes. Welche dieser Partien hat Dir persönlich am meisten bedeutet?
Julia Stuart:
Ich würde sagen, meine Rolle als eine der Nichten in Peter Grimes. [...] Vor allem musste ich noch nie zuvor fast durchgehend mit einer anderen Sängerin in einer Oper mehrstimmig singen. Ich musste wirklich lernen, mich einzufügen und als echtes Team zusammenzuarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass Anna Nekhames und ich sehr gut harmonierten. Außerdem war dies mit Abstand die schwierigste Wiederaufnahme-Produktion, in der ich je mitgewirkt habe, und ich bin sehr stolz darauf, wie viel ich der Rolle geben konnte und wie viele Details ich mir in nur zwei Wochen Proben gemerkt habe! Diese Inszenierung von Keith Warner war sehr komplex und hatte viele bewegliche Teile, aber das Ensemble hat alles wunderbar umgesetzt. Dieses Ensemble war etwas ganz Besonderes – die enge Zusammenarbeit mit Sängern wie Alan Clayton und Nicholas Brownlee war für mich eine sehr lehrreiche Erfahrung, und ich bewundere ihre Arbeit sehr. Zu guter Letzt hatte ich hier in Frankfurt auf der Bühne so viel Spaß wie noch nie. Opern können so traurig und düster sein, doch die Darstellung dieser frechen und lustigen Frauen war eine willkommene Abwechslung von der Schwere, die wir die meiste Zeit auf der Bühne erleben.
FS:
Welche Künstler*innen und Vorbilder haben Dich auf Deinem Weg inspiriert, und wie haben diese Einflüsse Deinen Gesangsstil geprägt?
Julia Stuart:
Die erste Künstlerin, die mir spontan in den Sinn kommt, ist Montserrat Caballé. Sie besaß all die Qualitäten einer Sopranistin, die ich eines Tages anstrebe: Brillanz im Ton, eine reiche und warme Klangfarbe von den höchsten bis zu den tiefsten Tönen, makellose Phrasierung – besonders im Belcanto-Repertoire – und ihre mühelos schwebenden hohen Töne. Sie war einzigartig. [...] Ihr zuzuhören ist wie ein Meisterkurs im Operngesang. Ich habe mehrere Vorbilder, die mich inspiriert, angeleitet und geprägt haben. Meine erste Gesangslehrerin, Alicia Purcell, überzeugte mich und gab mir das Selbstvertrauen, die Oper ernsthaft zu verfolgen. [...] Dann ist da Brian Zeger, der Leiter der Gesangsabteilung an der Juilliard School. Ohne sein Vertrauen in mein Talent wäre ich nicht hier. Und schließlich inspiriert mich Takeshi Moriuchi. Er ist Leiter der musikalischen Abteilung an der Frankfurter Oper und ein talentierter Dirigent. Er zählt zu den besten Coaches, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Er hat unzählige großartige Ideen, versteht die Mechanik des Singens wirklich und kann sie verständlich erklären. Außerdem ist er ein außergewöhnlicher Pianist.
»Lass dich von deiner Liebe zur Musik leiten.«
Julia Stuart als Schatten eines jungen Mädchens in Magnards Guercœur sowie als Blumenmädchen in Wagners Parsifal.
FS:
Welche Ratschläge würdest Du jungen Sänger*innen geben, die gerade ihre ersten Schritte in der Opernwelt machen?
Julia Stuart:
Mein Rat: Wenn du die Möglichkeit hast, nach Europa zu ziehen und hier deine Karriere zu starten, nutze sie. Es wird hart, aber es wird dich als Mensch verändern. Oper ist in Europa so präsent. Sie hat hier eine Präsenz, die sie im Rest der Welt nicht hat. Die Chance, in dem Land, in dem du lebst, eine Fremdsprache zu lernen und die Erfahrung des Auswanderns zu machen, ist unbezahlbar. Und schließlich: Lass dich von deiner Liebe zur Musik leiten. Wenn du die Schule abgeschlossen und beruflich in diesem Bereich etwas erreicht hast, verdienst du es, hier zu sein. Suche dir ein Team von Menschen, die an dich glauben und denen du vertraust, und wende dich immer wieder an sie, wenn es mal hakt – glaub mir, das passiert immer wieder!
Video: »Piangete voi…al dolce guidami« aus Gaetano Donizettis »Anna Bolena«
Piangete voi…al dolce guidami aus Gaetano Donizettis Anna Bolena
Julia Stuart live erleben
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