Die Oper Punch and Judy ist eines der frühesten und zugleich provokantesten Werke des britischen Komponisten Harrison Birtwistle. Seit Beginn der 1960er Jahre wandte sich Birtwistle zunehmend von traditionellen musikalischen Formen ab und suchte nach neuen, experimentellen Ausdrucksweisen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er vor allem Instrumentalwerke komponiert, darunter Kammermusik und Ensemble-Stücke – eine Oper gehörte noch nicht zu seinem Œuvre.
Birtwistle war Teil einer neuen Generation britischer Komponisten, die sich bewusst vom weitgehend tonalen Stil eines Benjamin Britten und dessen Generation distanzieren wollten. Stattdessen orientierten sie sich an europäischen Avantgardebewegungen und suchten nach radikal neuen Formen des Musiktheaters.
Das Libretto der »tragischen Komödie oder komischen Tragödie«, wie es im Untertitel heißt, stammt von Stephen Pruslin, einem amerikanischen Pianisten und Librettisten, der eng mit Birtwistle zusammenarbeitete. Pruslin lieferte die Idee, die klassische englische Puppenfigur Punch als Grundlage zu verwenden, um eine moderne, aber archaisch wirkende Geschichte über Gewalt, Tod und Wiederholung zu erzählen. Sein Libretto ist komprimiert, poetisch und rätselhaft – eine perfekte Ergänzung zu Birtwistles ritualisierter Musiksprache. Allem voran stand die Idee der beiden Autoren: »Punch and Judy liegt die Prämisse zugrunde, dass die Welt der Spielzeuge, Puppen und Marionetten realer sein kann als die tatsächliche Welt, und dass durch diese künstlichen Figuren Aussagen über die menschliche Natur in einer lebendigeren und konzentrierteren Form möglich sind, als es im realistischen Theater oft der Fall ist. Die künstliche Welt lässt sich am besten durch Stilisierung umsetzen, die bereits in Form, Sprache und Musik des Werks angelegt ist und sich auf alle Aspekte seiner Inszenierung erstreckt.«
Auszug aus dem Magazin November / Dezember 2025.