Opernappetizer

LE GRAND MACABRE

GYÖRGY LIGETI 1923–2006

Oper in zwei Akten / Text von Michael Meschke und György Ligeti nach Michel de Ghelderode / Uraufführung 1978, Königliches Theater, Stockholm (revidierte Fassung von 1996) / In englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Geräuschvoll, traumwandlerisch und ziemlich schräg hüllt sich Ligetis Endspiel-Oper in einen kunterbunten Mantel, unter dem der Schabernack regiert. Als Kommentar auf die Dogmen der musikalischen Avantgarde der Zeit nennt der Komponist sein Werk augenzwinkernd eine »Anti-Anti-Oper« – im Grunde die Rückkehr zur Oper im traditionellen Sinne, allerdings »gefährlich, übertrieben, ganz verrückt und dreckig«.

Vom 5. November – 2. Dezember 2023 an der Oper Frankfurt.

Bildunterschruft:

Wie reagieren Menschen auf die Nachricht, dass am nächsten Tag die Welt untergeht? Mit wem verbringen sie die letzten 24 Stunden? Wie schnell werfen sie ihren Anstand über Bord? Und was passiert, wenn die angekündigte Apokalypse gar nicht eintritt? Györgi Ligetis Oper Le Grand Macabre seziert messerschaft, wie eine Gesellschaft auf  eine nahende Katastrophe reagiert. Idylle und Abgrund, Ordnung und Chaos liegen dabei immer nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

PLAY, AUGEN ZU UND OPER!

Im Einführungsvortrag fasst Dramaturg Maximilian Enderle kurz die Handlung zusammen und zeichnet nach, wie sich die Konfrontation mit dem Tod wie ein roter Faden durch György Ligetis Biografie und Werk zieht. Sie finden alle Auftakt-Folgen auf SoundCloud sowie auf Spotify und ApplePodcasts.

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Handlung

Endzeitstimmung in Breughelland: Ein Sensenmann kündigt den Weltuntergang für Mitternacht an. Die Zeit läuft …

Angesichts der bevorstehenden Katastrophe ist es mit der Sorglosigkeit im imaginären Fürstentum vorbei. Während ein Liebespaar ganz in seiner Lust vergehen möchte, spannt der selbsternannte Todesprophet Nekrotzar den weinseligen Piet vom Fass und den Sternengucker Astradamors als Gehilfen ein und zieht zum Palast. Dort hat die Schreckensnachricht den allseits beliebten Fürsten und die intriganten Minister bereits durch den Chef der Gepopo, der Geheimen Politischen Polizei, erreicht.

Das Volk bittet Nekrotzar um Gnade, allerdings ohne Erfolg. Erst als Nekrotzar von Piet und Astradamors in ein Besäufnis verwickelt wird, wendet sich das Blatt. Sturzbetrunken ist er nicht mehr dazu in der Lage, seine tödliche Mission auszuführen. Als die Sonne aufgeht, fällt Nekrotzar kraftlos in sich zusammen.

Der Jubel der Überlebenden ist groß: Irgendwann kommt der Tod bestimmt, aber nicht heute!

Rund um Ihren Besuch

Noch mehr Oper! Bei einigen unserer Produktionen bieten wir zusätzliche oder passende Veranstaltungen an, unter anderem Kinderbetreuung, Kammerkonzerte oder Liederabende.

Für Le Grand Macabre haben wir folgendes im Programm:

OPER IM DIALOG

zu Le Grand Macabre

Worte finden, mitreden, Fragen stellen, Begeisterung oder Verwunderung teilen ... Uns interessiert, wie Sie den Opernabend erlebt haben! Nach ausgewählten Vorstellungen möchten wir gemeinsam mit Ihnen ins Gespräch kommen, um die Aufführungen kritisch zu diskutieren. Zu ausgewählten Terminen laden wir externe Gäste ein, die Musiktheater aus ihrem jeweiligen Fachgebiet heraus betrachten und so den Dialog bereichern.

TERMIN

18. November 2023, ca. 21.45 Uhr (im Anschluss an die Vorstellung)

Für weitere Informationen hier klicken.

FRIEDMAN IN DER OPER

zu Le Grand Macabre

Im Dialog mit renommierten Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft befragt Michel Friedman Opernstoffe auf ihren Bezug zu unserer Lebensrealität. Die neue Gesprächsreihe Friedman in der Oper findet in dieser Spielzeit sechs Mal statt und knüpft jeweils an ein Werk unseres Spielplans an.

Die Auftaktveranstaltung am 28. November widmet sich anlässlich der Premiere von Le Grand Macabre dem Thema APOKALYPSE. Ausgehend von Ligetis humorvoll-grotesker Weltuntergangs-Oper wird diskutiert, wie präsent apokalyptische Vorstellungen heutzutage sind und wie Gesellschaften in vermeintlich ausweglosen Situationen handlungsfähig bleiben können. Als Gesprächspartner konnte dafür der bekannte Soziologe Armin Nassehi gewonnen werden.

TERMIN
28. November 2023, 19 Uhr

Für weitere Informationen hier klicken.

IM SCHATTEN DES TODES

TEXT VON MAXIMILIAN ENDERLE

»Es ist die Angst vor dem Tod, die Apotheose der Angst und das Überwinden der Angst durch Komik, durch Humor, durch Groteske.« Mit diesen Worten beschreibt György Ligeti den inhaltlichen Kern seiner Oper Le Grand Macabre. Die Konfrontation mit dem Tod zieht sich wie ein roter Faden durch Biografie und Werk des ungarischen Komponisten, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Auf sein Leben zurückblickend, äußerte er kurz vor seinem Tod: »Eine Dimension meiner Musik trägt stets den Abdruck einer langen, im Schatten des Todes verbrachten Zeit.«

VOM REQIUEM ZUR »ANTI-ANTI-OPER«

Der Text der lateinischen Totenmesse übte seit jeher eine ungeheure Faszination auf Ligeti aus. Über 20 Jahre lang arbeitete er an seinem Requiem, das 1965 in Stockholm uraufgeführt wurde. Den zentralen Moment des Werkes bildet die Sequenz des Dies irae – der Tag des Jüngsten Gerichts. In nie gehörter Eindringlichkeit machte Ligeti darin die menschliche Todesangst hörbar und bewies zugleich einen untrüglichen Theaterinstinkt. Konsequenterweise erhielt er nach der Uraufführung von Göran Gentele, dem Intendanten der Königlichen Oper Stockholm, das Angebot für ein groß besetztes Musiktheaterwerk.

Der Komponist nahm dankend an und erarbeitete zunächst eine Adaption des Ödipus-Stoffes, die Gentele inszenieren sollte. Nachdem dieser jedoch im Jahr 1972 bei einem Autofall ums Leben kam, verwarf Ligeti seine Konzeption und begab sich auf die Suche nach einem neuen Sujet. Im Gegensatz zu Mauricio Kagel, der 1971 seine dadaistische »Anti-Oper« Staatstheater uraufgeführt hatte, bevorzugte Ligeti eine dramatische Handlung als Gerüst seines Werkes. Eine»Anti-Anti-Oper« schwebte ihm vor – im Grunde die Rückkehr zur Oper im traditionellen Sinne, allerdings in einem Klanggewand, das »gefährlich, bizarr, übertrieben und ganz verrückt« sein sollte.

Fündig wurde Ligeti schließlich bei Michel de Ghelderodes Farce La Balade du Grand Macabre, die in den 1930er Jahren unter dem Eindruck von Hitlers Aufstieg entstanden war. Die Vorlage des flämischen Dramatikers spitzte er gemeinsam mit seinem Librettisten Michael Meschke, damals Direktor des Stockholmer Marionettentheaters, sprachlich effektvoll zu: Schlagkräftige Dialoge treffen auf aberwitzige Silbenketten, kindische Abzählreime auf erotische Poesie, vulgäre Wortspiele auf verfremdete Bibelzitate.

Den Treibstoff der 1978 uraufgeführten und 1996 revidierten Oper liefert Ligetis Musik, eine »akustische Welt voller Ruinen« (István Balázs). Wie objets trouvés finden sich darin Reminiszenzen an Werke von Rameau, Mozart, Beethoven, Rossini und Offenbach. Strenge Formen, wie etwa eine Toccata im Stile Monteverdis, verbinden sich mit einer ausgefallenen Orchesterbesetzung – Autohupen, Türklingeln und Sirenen sind dabei ebenso vorgesehen wie ein überbordender Schlagzeugapparat. Und nicht zuletzt erhält jede der Figuren einen ganz eigenen gesanglichen Ausdruck, von lyrisch-sinnlich (Amanda und Amando) über drastisch-komisch (Piet vom Fass) bis hin zu vokalartistisch-überdreht (Chef der Gepopo).

Auszug aus dem Magazin November / Dezember 2023.

Regisseur Vasily Barkhatov

Zur Inszenierung von Le Grand Macabre

Ligetis Le Grand Macabre steht theaterästhetisch in der Tradition des absurden Theaters, aber nicht zuletzt das Corona-Virus hat uns gelehrt, dass absurde Vorgänge oder Figuren eine sehr genaue psychologische Entsprechung haben. Nichts ist absurder als das reale Leben. Ich denke, diese Erkenntnis hatte Ligeti als Mensch, der alle Weltkatastrophen des 20. Jahrhundert selbst erlebt hat, vor Augen. Daher verfolge ich die Idee, die Figuren der Oper auf realistische Weise zu erzählen, wobei ihre Umgebung und das Geschehen um sie herum völlig absurd erscheinen.

Bildunterschruft:

Ich möchte herausfinden, wie sich unterschiedliche Figuren in einer Situation verhalten, wenn ihnen gesagt wird, dass dies ihr letzter Tag auf Erden sein wird. Was werden sie tun? Wem die letzten 24 Stunden widmen? Was ist ihr letzter Wunsch und wie schnell verlieren sie dabei ihr menschliches Antlitz? Und was passiert, wenn die Apokalypse nicht eintritt, und die Menschen mit dem weiterleben müssen, was sie in den letzten 24 Stunden bis zu ihrem vermeintlichen Lebensende getan haben?

Ein Komet ist – wie jede Katastrophe oder jedes Unglück – ein äußerer Umstand, ein Katalysator, der in diesem Fall das Wesen der menschlichen Natur offenbart: Jemand fängt fanatisch an zu beten, ein anderer kauft maßlos Buchweizen und Toilettenpapier, wieder ein anderer flippt völlig aus oder verfällt in Hysterie, um am letzten Tag des Lebens noch das mitzunehmen, was er vorher nicht konnte, verpasst oder sich nicht getraut hat. Alle Vernunft weicht dem puren Instinkt. Die Apokalypse gibt das Recht, alle gesellschaftlichen Regeln über Bord zu werfen. Sie dient als vermeintliche Mega-Ausrede. Alles ist erlaubt.

Nichts ist absurder als das reale Leben.
Vasily Barkhatov, Regisseur
Bildunterschruft:

Bariton Simon Neal

Über seine Rolle als Todesprophet Nekrotzar

Als ich begann, Le Grand Macabre einzustudieren, befanden wir uns mitten im ersten Corona-Lockdown. Die Welt, wie wir sie kannten, hatte aufgehört zu existieren. Eine Oper über Tod und Zerstörung zu erarbeiten, während draußen das Virus wütete, war wirklich hart. Bei den Worten meiner Figur stockte mir immer wieder der Atem. »Heute um Mitternacht erscheint hier ein fahles Pferd, und auf seinem Rücken sitzt der Tod!«, singt Nekrotzar etwa gleich im ersten Bild. Mitunter musste ich meine Arbeit unterbrechen, um draußen frische Luft zu schnappen.

Nachdem unsere geplante Premiere 2020 verschoben wurde, können wir dieses fantastische Stück nun endlich auf die Bühne bringen. In der Zwischenzeit hat sich die Welt verändert: Das Corona-Virus scheint überwunden, dafür rücken andere Themen in den Fokus. Klimawandel, Kriege, Flucht und Vertreibung, die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich … Man fragt sich manchmal, ob die Menschheit nichts dazulernt. Kann es sein, dass wir uns immer nur im Kreis drehen und auf die nächste Krise warten?

Le Grand Macabre ist absurd, witzig, düster, packend, mitunter atemberaubend schön und hat eine Klangwelt wie kaum ein anderes Werk. Zugleich enthüllt es unbequeme Wahrheiten über unsere sozialen Strukturen, über unsere Werte und unseren Umgang mit Leben und Tod. Und gerade der schwarze Humor von Ligetis Oper zwingt uns, die darin enthaltenen Warnungen und Fragen ernstzunehmen. Was können wir als Individuen tun, um die Zerstörung der Welt zu verhindern und eine bessere gemeinsame Zukunft zu gestalten?

Glücklicherweise lässt uns Ligeti am Ende nicht ganz ohne Hoffnungsschimmer zurück. Es ist noch nicht zu spät!

TERMINE 5., 10., 18., 24., 26., 30. November / 2. Dezember 2023

SZENENFOTOS Barbara Aumüller

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Veröffentlicht am

02.11.2023

Willy-Brandt-Platz

Spielort

Willy-Brandt-Platz

60311 Frankfurt am Main

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