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Opernappetizer

LA JUIVE

FROMENTAL HALÉVY

Oper in fünf Akten / Text von Eugène Scribe / Uraufführung 1835, Opéra Le Peletier, Paris / In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Eine gespaltene Gesellschaft versucht, ihre inneren Konflikte zu überwinden. Gesucht wird: ein gemeinsamer Feind. Tatjana Gürbaca inszeniert Halévys erschreckend aktuelle Oper über die Verfolgung einer jüdischen Minderheit.

Vom 16. Juni – 14. Juli im Opernhaus.

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HANDLUNG

Eine gespaltene Gesellschaft versucht, ihre inneren Konflikte zu überwinden. Gesucht wird: ein gemeinsamer Feind.

Konstanz zur Zeit des Kirchenkonzils 1414: Der jüdische Goldschmied Éléazar wagt es, an einem christlichen Feiertag zu arbeiten, woraufhin eine Volksmenge ihn und seine Adoptivtochter Rachel im See ertränken will. Beschützt werden die beiden vom Reichsfürsten Léopold, der eine heimliche Liebesbeziehung mit Rachel führt. Als Léopold diese Verbindung beendet, klagt ihn Rachel öffentlich der Unzucht an. Kardinal Brogni verurteilt daraufhin Léopold, Eléazar und Rachel zum Tod, allerdings ohne zu wissen, dass er selbst Rachels leiblicher Vater ist ...

Bildunterschruft:
Chor der Oper Frankfurt © Monika Rittershaus

PLAY, AUGEN ZU UND OPER!

Die Audioeinführung von Dramaturg Maximilian Enderle zu La Juive folgt in Kürze. In der Zwischenzeit finden Sie alle Auftakt-Folgen bei SoundCloud, Spotify und ApplePodcasts.

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UNVERSÖHNLICHE GEGENSÄTZE?

OPER ALS POLITISCHES MEDIUM

Text von Maximilian Enderle

Dass mit Fromental Halévy und seinem Librettisten Eugène Scribe zwei jüdische Künstler überhaupt ein Werk wie La Juive erarbeiten durften, lag nicht zuletzt an der politischen Situation in Frankreich zu Beginn der 1830er Jahre: Juden wurden uneingeschränkte Bürgerrechte eingeräumt, was in Europa ein absolutes Novum darstellte. Zudem vertrat Bürgerkönig Louis-Philippe nach der Juli-Revolution ein verhältnismäßig liberales Menschenbild, wofür er nicht zuletzt die Pariser Oper in die Pflicht nahm. Abend für Abend versammelten sich dort über 2000 Menschen verschiedener sozialer Schichten. Für den König war dies ein ideales Forum, um die Gesellschaft mit den Gräueltaten des Ancien Régime zu konfrontieren und die eigene Toleranz umso deutlicher hervorzukehren.

Die Intendanz der Pariser Oper gab La Juive nahezu zeitgleich mit Meyerbeers Les Huguenots in Auftrag. In beiden Werken steht der Konflikt zwischen einer religiösen Minderheit und einer gewalttätigen katholischen Mehrheit im Fokus. Und in beiden Fällen hieß der Librettist Eugène Scribe. Er skizzierte Halévy bei einem gemeinsamen Spaziergang erstmals die Handlung der Juive, woraufhin der Komponist sofort Feuer und Flamme war.

Während des Arbeitsprozesses veränderte sich die Konzeption des Werkes allerdings stark, woran auch Halevys Bruder Léon maßgeblichen Anteil hatte. Ursprünglich sah Scribe vor, dass sich Rachel im Schlussakt taufen lässt und dadurch dem Flammentod entgeht. Dieses konventionelle Ende (man denke etwa an Shakespeares Kaufmann von Venedig) wurde zugunsten eines tragischen Ausgangs verworfen: Rachel weiß bis zuletzt nicht, dass sie die leibliche Tochter von Kardinal Brogni ist. Nachdem sich die Fronten zwischen Christen und Juden im Laufe der Oper immer mehr verhärten, schlägt sie das Angebot einer rettenden Konversion aus und geht voller Überzeugung für ihren Glauben in den Tod.

Als historischer Rahmen der Oper waren anfänglich die Inquisitionsprozesse in der portugiesischen Kolonie Goa angedacht. Letztlich fiel die Wahl aber auf die Zeit des Konstanzer Konzils (1414-1418) – mit gutem Grund: Antisemitische Gewalt war in Konstanz seit vielen Jahrhunderten omnipräsent und brach sich insbesondere im Nachgang des Konzils ungehindert Bahn. So wurden bei den Kreuzzügen des in Konstanz gekrönten Kaisers Sigismund gegen die Hussiten regelmäßig Pogrome in jüdischen Stadtvierteln verübt.

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni / Juli 2024.

EIN BALANCE-AKT

TATJANA GÜRBACA, INSZENIERUNG

»Halévys Oper zeigt eine Welt, die von religiösen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist. In Sekundenschnelle entbrennt aus inneren, zwischenmenschlichen Konflikten ein unversöhnlicher Hass, was wiederum die großen Fragen nach Identität und Vorurteil, nach Religion und Ideologie aufwirft.

Mich interessiert das Derbe, der Ausnahmezustand, die Unordnung der Gesellschaft während des Konstanzer Konzils, weil mir dies wie eine Metapher unserer eigenen chaotischen Welt erscheint: So viele unterschiedliche Menschen und Stände, die aufeinandertreffen, ein Geschäft machen oder sich wie auf einer großen Kirmes amüsieren wollen! Hier noch die Asche des Scheiterhaufens von Jan Hus und dort lauter dreckige Betten, die man teilt - kein Wunder, dass am Ende die Pest ausbricht! Religion fungiert dabei immer wieder als Vorwand zum blutigen Austragen von Konflikten, die Geißelung von Ketzern dient zur Unterhaltung und zum Frustabbau. Und mittendrin steht ein Kaiser, der die Stadt als Müllkippe hinterlässt, ohne die Zeche zu zahlen. Die Juden sind in dieser Gemengelage zunächst gar nicht als Außenseiter erkennbar, sie werden erst nach und nach dazu gemacht. Man muss insofern nicht einmal religiös sein, um einer Glaubensgemeinschaft anzugehören. Und dann entsteht plötzlich eine Spirale der Gewalt und Gegengewalt, aus der es kein Entkommen gibt.

In einer Zeit, in der überall auf der Welt religiöse und kulturelle Spannungen bestehen, in der auch Antisemitismus wieder in verschiedensten Formen auftritt, bleibt La Juive von bestürzender Aktualität. Wir leben in einer zerrissenen Welt und müssen uns ernsthaft die Frage stellen, wie wir zusammenleben wollen und können. Letztendlich ist Halévys Oper somit auch eine philosophische Meditation über das Wesen des Menschen, über die grundlegenden Prinzipien der Menschlichkeit und die Suche nach Toleranz, Respekt und gegenseitigem Verständnis.«

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni / Juli 2024.

»[…] ich bin ganz hingerissen von diesem wundervollen, großartigen Werke und zähle es zu dem Höchsten, was je geschaffen worden ist.«
Gustav Mahler über La Juive in einem Brief vom 18. August 1886 an Friedrich Löhr

EIN HISTORISCHER KONFLIKT

AMBUR BRAID, RACHEL

»La Juive erzählt von einem historischen Konflikt zwischen Religionen, der in diesen Tagen leider wieder sehr aktuell geworden ist. Musikalisch ist das Werk unglaublich schön und völlig anders, als die Dinge, die ich sonst singe: Es gibt für mich nur wenige Rezitative oder Arien, dafür aber sehr viele Ensembles.

Die Geschichte dreht sich um eine Liebe zwischen zwei Personen, die eigentlich nicht zusammen sein dürfen. Auf der Bühne ist eine solche Situation natürlich immer viel interessanter, als wenn man ›den Richtigen‹ begehrt. Rachel ist eine liebende Frau, aber ihr Geliebter ist nicht der, für den sie ihn hält. Genauso wenig wie Rachel die Frau ist, für die sie selbst sich hält. Rachel wurde adoptiert und hat darum keine genauen Informationen über ihre genetische Abstammung. Wenn einem diese Informationen fehlen, nimmt man die Welt allerdings ganz anders war. Kinder, die mit ihren genetischen Verwandten aufwachsen, machen ganz andere sensorische Erfahrungen als Kinder, die aktiv nach Ähnlichkeiten mit ihren neu gewonnenen Familienmitgliedern suchen.

Ich freue mich sehr darauf, diese Geschichte aus einer heutigen Perspektive zu erzählen. Wir müssen natürlich sensibel und aufmerksam mit historischen Tatsachen und gegenwärtigen Stimmungslagen umgehen, um nicht Klischeebilder oder Hassreden zu reproduzieren. Aber wie immer kann die Kunst ein Spiegel der Gesellschaft sein – und diese Oper ist eine großartige Möglichkeit dafür!«

Auszug aus dem Magazin Mai / Juni / Juli 2024.


Bildunterschruft:
John Osborn (Éleazar) hinten links, Ambur Braid (Rachel) vorne mittig ©Monika Rittershaus

RUND UM IHREN BESUCH

OPER IM DIALOG

NACHGESPRÄCH ZUR PREMIERE »LA JUIVE«

Nach ausgewählten Vorstellungen möchten wir gemeinsam mit Ihnen ins Gespräch kommen, um die Aufführungen kritisch zu diskutieren. Zu ausgewählten Terminen laden wir externe Gäste ein, die Musiktheater aus ihrem jeweiligen Fachgebiet heraus betrachten und so den Dialog bereichern.

TERMIN

6. Juli 2024
Im Anschluss an die Vorstellung, Eintritt frei

KAMMERMUSIK IM FOYER

PROGRAMM

Sergej Prokofjew 1891–1953
Quintett g-Moll für Oboe, Klarinette,Violine, Viola und Kontrabass Op.39

Camille Saint-Saëns 1835–1921
Streichquartett Nr.2 G-Dur, Op.153


TERMIN

16. Juni 2024, 11 Uhr, Holzfoyer
Einheitspreis 13 Euro

TICKETS BUCHEN

16., 20., 23., 28. Juni / 6., 11., 14. Juli 2024

Erleben Sie mit La Juive das große Finale unserer Saison 2023/24, mit Ambur Braid in der Titelpartie.

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SZENENFOTOS Monika Rittershaus

FOTOS Tobias Kruse (Porträt Tatjana Gürbaca), Rebecca Wood (Porträt Ambur Braid)

Teilt eure Fotos mit dem Hashtag

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Veröffentlicht am

11.06.2024

Willy-Brandt-Platz

Spielort

Willy-Brandt-Platz

60311 Frankfurt am Main

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