Die Namen der vier Protagonist*innen in Rudi Stephans Die ersten Menschen entsprechen zeitgenössischen Umschriften der hebräischen Bezeichnungen für Adam (Adahm), Eva (Chawa), Kain (Kajin) und Abel (Chabel). Seine Oper erzählt von der Sinnsuche dieser Kernfamilie – Jahre nach der Vertreibung aus dem Paradies ihres früheren Lebens.
1. AUFZUG
Während Adahm seinen Sinn in der Arbeit sucht und auf »Frucht« und Ernte hofft, sehnt sich seine Ehefrau Chawa nach Nähe und Berührung. Jetzt, wo die beiden Söhne groß geworden sind, will sie unbedingt noch ein weiteres Kind bekommen. Mit den erwachsenen Söhnen kann sie nichts mehr anfangen, und der Ältere, Kajin, macht ihr sogar Angst. Das Unbehagen der Mutter ist berechtigt: in Kajin sind die Hormone erwacht, und da es in der Welt nur eine einzige Frau gibt, richten sich seine Begierden und Sehnsüchte auf die Mutter.
Chabel, der jüngere Sohn, offeriert eine Lösung für alle Probleme: Ihm hat sich ein allmächtiger Gott offenbart, dem es nun zu opfern gilt. Zum Erstaunen der Familie bringt Chabel ein Schaf als Opfertier mit. Sein Bruder Kajin macht sich zunächst über Chabels Religionseifer lustig, aber als Adahm und Chawa in ihrer Verzweiflung das Sinnangebot Chabels annehmen, wird es auch Kajin mulmig. Er ist entsetzt über das blutige Schlachten und flüchtet hinaus in die Welt.
2. AUFZUG
Da Chawa sich vergeblich nach den früheren Liebesbeweisen ihres Mannes sehnt, sucht sie Trost bei Chabel, der ihr zumindest die Liebe des von ihm angebeteten Gottes verspricht. Beide steigern sich in eine religiöse Begeisterung, aus der, für beide unerwartet, sinnliche Leidenschaft zueinander erwächst.
Kajin hadert noch immer mit seinen Begierden. Chabel versucht, ihn zu Gott zu bekehren. Aber das Verständnis der Brüder für die Sorgen des jeweils anderen, das sich unter dem nächtlichen Sternenhimmel zu entwickeln beginnt, findet ein jähes Ende: Als Chabel die Schönheit Chawas preist, wird Kajin misstrauisch, und seine Eifersucht erwacht. Tatsächlich finden Chabel und Chawa hinter Kajins Rücken auch körperlich zueinander. Als dieser Mutter und Bruder in flagranti erwischt, erschlägt er seinen Bruder in einem wütenden Eifersuchtsanfall.
Adahm kommt zu spät dazu, um die Katastrophe verhindern zu können. Er findet Kajin und Chawa an der Leiche Chabels. Während Chawa Rache an ihrem älteren Sohn verlangt, versucht Adahm, den Mord aus den Nöten der Familie zu rationalisieren, und plädiert dafür, den toten Chabel als Gottesopfer zu behandeln. Kajin versucht ein letztes Mal, sich von seinen Lüsten und Begierden zu befreien. Über das schreckliche Schicksal ihrer Söhne scheinen Chawa und Adahm wieder zueinander zu finden. Adahm hofft, dass ein neuer Tag eine bessere Zukunft bringt.