Hero Bild Straßenbahn vor dem Bockenheimer Depot, Frankfurt am Main, 1900. Bildautor unbekannt.
Interviews

BRITTENS KIRCHENPARABELN IM BOCKENHEIMER DEPOT

Bereits einige Britten-Opern fanden ihren Weg ins Bockenheimer Depot, darunter Paul Bunyan und A Midsummer Night’s Dream. Warum ausgerechnet Brittens Kirchenparabeln The Prodigal Son / The Burning Fiery Furnace so gut zum diesem außergewöhnlichen Spielort passen und was das mit der Neuausrichtung des Bühnenbilds zu tun hat, verraten Ihnen Bühnenbildner Bernhard Siegl und Regisseur Manuel Schmitt in diesem Artikel.

1986 verschwanden die letzten Straßenbahnschienen

Seit über 35 Jahren wird das Bockenheimer Depot von den Städtischen Bühnen bespielt. Gebaut wurde das Bockenheimer Depot im Jahr 1900. Dort, wo es heute steht, befand sich im 19. Jahrhundert eine aus Holz gefertigte Wagenhalle, die der damaligen Pferdebahn als Betriebshof diente. Nach der Umstellung auf elektrische Straßenbahnen wurde sie durch das bis heute erhaltene Gebäude ersetzt: Eine Kathedrale des Industriezeitalters! Die das Deckengewölbe tragende Holzkonstruktion aus halbkreisförmigen Bogenbindern geht als Form auf den Renaissancearchitekten Philibert Delorme zurück.

Während viele Gebäude in Frankfurt 1944 durch Luftangriffe stark beschädigt wurden, blieb die Haupthalle des Depots weitestgehend unversehrt. Als nach dem Krieg das Verkehrsaufkommen weiter wuchs, wurde die 1900 gebaute Halle für den regulären Betrieb zu klein: Am 6. Februar 1966 wurde die Depotfunktion eingestellt. Als einer der ersten Bauten im Rhein-Main-Gebiet wurde das Depot 1979 zum historischen Industriedenkmal erklärt und unter Schutz gestellt. Nachdem zwischenzeitlich die Sammlung des Frankfurter Feldbahnmuseums im Bockenheimer Depot untergebracht war, wurden 1986 die letzten noch vorhandenen Straßenbahnschienen entfernt.

Bildunterschruft:
Mit seinen drei Schiffen ist das Bockenheimer Depot der ideale Spielort für Brittens Kirchenparabeln. ©Barbara Aumüller

Auf der Suche nach dem idealen Spielort

Gerade für Benjamin Brittens »Parables for Church Performance« – so die Gattungsbezeichnung, die der Komponist selbst für die drei Werke wählte – erweist sich das Bockenheimer Depot als idealer Ort. Sie entstanden ursprünglich für das von Britten zusammen mit einigen Mitstreitern – darunter sein Partner in Leben und Kunst, der Tenor Peter Pears – 1948 in der ostenglischen Grafschaft Suffolk gegründete Aldeburgh Festival, das bis heute, fast 50 Jahre nach Brittens Tod, jährlich stattfindet.

Immer wieder suchte der Komponist in und um Aldeburgh herum nach neuen Aufführungsorten für das Festival und wurde auch im Nachbarstädtchen Orford, ein paar Meilen den Alde-Fluss abwärts, fündig. In der dortigen Pfarrkirche, die dem Heiligen Bartholomäus geweiht ist, wurde 1964 die erste der drei Kirchenparabeln uraufgeführt: Curlew River. Dieser Einakter kam 2005 ebenfalls im Depot auf die Bühne. Jeweils 1966 und 1968 brachte Britten die anderen beiden Einakter in der Pfarrkirche von Orford zur Uraufführung, die im April 2023 nun als Frankfurter Erstaufführung zur Premiere kamen: The Prodigal Son (Der verlorene Sohn) und The Burning Fiery Furnace (Die Jünglinge im Feuerofen).

Bildunterschruft:
Die »Mönche« ziehen in die Kathedrale des Industriezeitalters ein. © Barbara Aumüller

Zwischen japanischem Nō-Theater und englischem Mysterienspiel

Regisseur Manuel Schmitt:

Die Form dieser sehr besonderen Werke ist nicht leicht zu umschreiben: Es sind weder Opern noch Oratorien; ich würde auch den rituellen Aspekt nicht zu sehr betonen. Sie sind nicht für eine klassische Guckkastenbühne konzipiert. Im Hintergrund schwingt das japanische Nō-Theater mit, das Britten 1956 auf einer Reise in den fernen Osten kennenlernte. Unser Zugang bewegt sich zwischen Abstraktion, formalisierten Elementen und psychologisch-realistischem Spiel.

Bühnenbildner Bernhard Siegl

Brittens Parabeln sind für einen Kirchenraum entstanden. Der riesengroße, imposante Raum des Bockenheimer Depots erinnert an die Zeit, als man zunehmend säkularen Entwicklungen huldigte wie der elektrifizierten Straßenbahn als Emblem des Fortschritts. In der Form schwingt auch das mittelalterliche Mysterienspiel mit. Ob in der Kirche oder davor: Es fand außerhalb der christlichen Liturgie statt. Bis heute haben sich Passionsspiele oder das Krippenspiel zu Weihnachten erhalten; für viele Kinder eine erste theatralische Erfahrung, bei der man selbst in eine Rolle schlüpft. Geistliche Spiele fanden vielfach auf einem Marktplatz statt; entweder konnte das Publikum verschiedene Stationen abschreiten oder es versammelte sich auf allen Seiten rund um eine kleine, improvisierte Bühne.

»Unser Zugang bewegt sich zwischen Abstraktion, formalisierten Elementen und psychologisch-realistischem Spiel.«
Regisseur Manuel Schmitt

Für die beiden Kirchenparabeln haben Regisseur und Bühnenbildner das Bockenheimer Depot gegenüber der üblichen Anordnung von Zuschauertribüne und Bühne, wie sie in den letzten Jahren meist zu erleben war, vollständig verwandelt: Sieben Ackerfurchen (bestehend aus 24 Tonnen Lehm) ziehen sich durch die gesamte Länge der Halle. Das Publikum sitzt sich längsseits auf zwei Tribünen gegenüber. Das Orchester – es besteht nur aus neun Musiker*innen – ist auf einer Seite in der Mitte platziert. Dabei entstehen große Distanzen. Eine Herausforderung für Lukas Rommelspacher, der die musikalische Leitung der Neuinszenierung innehat.

Bildunterschruft:
Eine künstliche Sonne strahlt auf den künstlichen Acker und die einziehenden Mönche herab. © Barbara Aumüller

Parabel als Versuchsanordnung

Schon in den 1980er Jahren entstanden im Depot legendäre Aufführungen, z.B. von Einar Schleef; für seine Inszenierung von Goethes Götz von Berlichingen baute er einen Steg quer durch die Halle und platzierte das Publikum längsseits an beiden Seiten – ganz ähnlich, wie es jetzt wieder zu erleben ist! In Erinnerung sind manchen vielleicht Abende, bei denen der Choreograf William Forsythe zusammen mit dem Bühnenbildner Michael Simon im Depot neue Wege ging. Auch Gastspiele von Peter Brook, der mit Inszenierungen wie La Tragédie de Carmen (übrigens auch auf einem Lehmboden spielend) und dem indischen Epos Mahabharata immer wieder experimentelle Theaterformen erprobte, fanden hier einen faszinierenden Spielort.

Bernhard Siegl zieht noch eine andere Parallele:

Bernhard Siegl

Parabel bedeutet für mich auch, dass es um eine Art Versuchsanordnung geht. Im Deutschen Museum in München gibt es riesige Räume, wo technische Experimente vorgeführt werden. Das Depot erinnert mich zugleich an Ausstellungshallen, wie es sie um die Jahrhundertwende bei verschiedenen Weltausstellungen gab. Eine installative Gestaltung kann sich mit der Kunstform der Performance mischen, die seit den späten 1960er Jahren häufig ebenfalls in ehemaligen Werkshallen oder Industriebauten stattfinden.

Bildunterschruft:
24 Tonnen Lehm waren nötig, um das Bockenheimer Depot in eine Ackerlandschaft zu verwandeln. ©Barbara Aumüller
»Der Grundgedanke, mit dem wir auf beide Werke zugegangen sind, war das Thema Gerechtigkeit: das Verhältnis von Arbeit und Wohlstand; von wem wird etwas erwirtschaftet und wer konsumiert es?
Manuel Schmitt

Authentischen Materialien wie Lehm, Wasser, einem Eisblock und rostigen Eisenteilen stehen große Symbole gegenüber, wie eine spiegelnde Sonnenscheibe von fünf Metern Durchmesser. Einzelne Bühnenbild-Elemente deuten eine Art Zeitreise an: vom archaischen Ackerbau über das Glockengießen mit flüssigem Metall bis hin zu einem High Tech-Roboter. Zur Konzeption des Britten-Abends erläutert der Regisseur:

Manuel Schmitt

Der Grundgedanke, mit dem wir auf beide Werke zugegangen sind, war das Thema Gerechtigkeit: das Verhältnis von Arbeit und Wohlstand; von wem wird etwas erwirtschaftet und wer konsumiert es? Im Vordergrund steht außerdem der Umgang mit Ressourcen – mit dem, was uns als Schöpfung anvertraut ist. Dieses Thema betont Britten in den beiden Kirchenparabeln. Wasser, Sonnenlicht, saubere Luft, fruchtbarer Erdboden: Das sind die Grundlagen der menschlichen Existenz. Ausgehend vom archaischen Ackerbau begeben wir uns auf eine Reise, die bis hin zu Industrialisierung und High-Tech führt. Nimmt man die Bibel-Texte, auf denen die beiden Stücke basieren, als Versuch, Regeln für das Zusammenleben der Menschen zu bestimmen, werfen sie hochaktuelle Fragen auf: Es geht um Grundwerte, die bis heute relevant sind

SZENENFOTOS Barbara Aumüller

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Veröffentlicht am

06.04.2023

Bockenheimer Depot

Spielort

Bockenheimer Depot

60325 Frankfurt am Main

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