Romantische Oper in drei Aufzügen / Text vom Komponisten / Uraufführung 1845, Hoftheater Dresden / Erstaufführung der Wiener Fassung 1875 / In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Ein Künstler reibt sich auf – an der Lustfeindlichkeit seiner Epoche, der Intensität seines Begehrens und an moralischen Werten, die ihn immer weiter in die Isolation treiben.
Vom 17. Januar bis 13. Februar 2027 an der Oper Frankfurt
Nachdem Tannhäuser bei der Liebesgöttin Venus ungehemmt seine erotischen Begierden ausleben konnte, drängt es ihn zurück in die sittlich strenge Wartburg-Gesellschaft. Auf das freudige Wiedersehen mit seiner Geliebten Elisabeth folgt aber schon bald ein öffentlicher Eklat: Tannhäuser preist bei einem Sängerfest nicht die Hohe Liebe, sondern den sinnlichen Genuss. Um der sozialen Ächtung zu entgehen, muss er beim Papst um Vergebung bitten. Dieser Wunsch bleibt ihm jedoch verwehrt, und so wird nicht nur für Tannhäuser, sondern auch für Elisabeth eine Rückkehr in ihr früheres Leben unmöglich.
Trailer
»Tannhäuser ist nie und nirgends etwas nur ›ein wenig‹, sondern alles voll und ganz.«
PLAY, AUGEN ZU UND OPER!
In seinem Einführungsvortrag erläutert Dramaturg Maximilian Enderle die Zusammenhänge der queeren Lesart von Regisseur Matthew Wild und gewährt mit Musikbeispielen spannende Einblicke in die von Gegensätzen geprägte Partitur Wagners. Alle Auftakt-Folgen finden Sie bei SoundCloud,Spotifyund ApplePodcasts.
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Aus unserem Magazin: Ein willkommener Sündenbock
TEXT VON MAXIMILIAN ENDERLE
Wohl kaum eine Oper ist von derart starken Dualismen geprägt wie Richard Wagners Tannhäuser: Erotik und Hohe Liebe, Exzess und Entsagung, Individualität und Konformismus treten darin in einen dialektischen Widerstreit. Versinnbildlicht werden diese Extreme in einer Titelfigur, die laut Wagner »nie und nirgends etwas nur ein wenig, sondern alles voll und ganz ist«. Erst der Tod vermag es, Tannhäusers innere Ambivalenzen aufzuheben.
Mit ihrem Erlösungsschluss steht die Oper ebenso in der Tradition der deutschen Romantik wie durch das mittelalterliche Sujet. Literarisch kühn verband Wagner im Libretto zwei unabhängige Sagenkreise: die Legende von Tannhäuser und dem Venusberg sowie die historischen Figuren der Heiligen Elisabeth und des Minnesängers Heinrich von Ofterdingen. Um die Volkstümlichkeit seines Werkes zu betonen, verschleierte der Komponist, dass er dabei auf literarische Quellen von Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck oder Heinrich Heine zurückgegriffen hatte. Stattdessen behauptete er, der Stoff sei ihm in Form eines »Volksbuchs vom Tannhäuser« zugefallen.
Überraschenderweise konzipierte Wagner diese vermeintlich urdeutsche Geschichte während seines Paris-Aufenthaltes in den Jahren 1839 bis 1842. Maßgebliche Inspirationen erhielt er dabei von der Grand opéra eines Giacomo Meyerbeer oder Fromental Halévy: Die mittelalterliche Vergangenheit diente beiden Komponisten ebenfalls als Spiegel ihrer politisch ambivalenten Epoche; genretypische Chortableaus und intime Arienformen wie die Preghiera griff Wagner in seiner Tannhäuser-Partitur unmittelbar auf. Dass er auch diese Traditionslinie im Zuge seiner späteren Meyerbeer-Anfeindungen verleugnete, mag kaum verwundern.
»Die Art und Weise, wie Wagner in seinen Opern mit dem Thema Sexualität umgeht, schockierte seine Zeitgenossen fast noch mehr als seine künstlerischen Innovationen. Erotische Begierden wurden in seiner Musik so plastisch erfahrbar wie niemals zuvor. Während sich der konservative Teil des Publikums pikiert davon abwandte, wurde Wagner in progressiveren Teilen der Gesellschaft für seinen Non-Konformismus gefeiert.
Vor allem Tannhäuser fand immer schon großen Zuspruch bei Menschen, die sich aufgrund ihrer eigenen Sexualität ausgegrenzt fühlen. Oscar Wilde schrieb einst, die Oper spreche ›von mir selbst … und von meinem eigenen Leben, oder den Leben der anderen, die man einst geliebt hat und die nun des Liebens müde geworden sind.‹ Zahlreiche queere Künstler*innen folgten seinem Beispiel und interpretierten das Werk als Metapher für ihr eigenes Leben. Mit Blick auf die Handlung ist dies durchaus nachvollziehbar: Ein Mann wird von der Gesellschaft geächtet, nachdem seine geheimen sexuellen Neigungen ans Licht kommen, und leidet anschließend unter der brutalen Zurückweisung durch die Kirche.
In unserer Lesart ist Tannhäuser ein deutscher Schriftsteller, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Exil lebt und mit seinem unterdrückten sexuellen Begehren zu kämpfen hat. Es reizt mich sehr, die gespaltene Psyche eines Künstlers zu erforschen, der gezwungen ist, ein Doppelleben zu führen und schließlich von einer intoleranten Gemeinschaft zum Sündenbock stilisiert wird. Derzeit projizieren Menschen stärker als jemals zuvor ihre eigenen Ängste auf verletzliche Individuen oder Gruppen. Dass Worte und Ideen irgendwann bedrohlich werden, müssen nicht nur queere Personen immer wieder schmerzhaft erfahren. Und wenn man erst einmal von einem selbstgerechten Mob niedergemacht wurde – wo soll man da noch nach Erlösung suchen?«
»Eine Welt, in der es keine Zeit für Gefühle gibt, ist eine Welt, in der ich nicht leben möchte.«
Video: Interview mit Generalmusikdirektor Thomas Guggeis
Mit der Wahl, einen Tannhäuser auf die Bühne zu bringen, stehen der musikalischen Leitung einige wichtige Entscheidung bevor. Welche Fassung wird gespielt? Wie geht man mit der Bühnenmusik um?
Wir haben Generalmusikdirektor Thomas Guggeis während der Aufnahmen der Bühnenmusik im Orchesterproberaum besucht und ihn zu seiner Sicht auf Wagners von Gegensätzen geprägter Partitur befragt. Tonmeister Christian Wilde hat uns außerdem in das Tonstudio der Oper mitgenommen und erläutert im Video den technischen Prozess hinter den Aufnahmen.
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17., 22., 31. Januar / 6., 10., 13. Februar 2027
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