Author Archives: Selina Stefaniak

NEU IM ENSEMBLE: MONIKA BUCZKOWSKA

VOM OLDSCHOOL ROCK ZUR OPERNSÄNGERIN

Seit der Spielzeit 2020/21 ist Monika Buczkowska neu im Ensemble der Oper Frankfurt. Ihr Deutschland-Debüt gab die Sopranistin auf der Bühne der Oper Frankfurt bereits in der Spielzeit 2019/20 als Lydie in Faurés Pénélope. Von Anfang an fühlte sie sich am Opernhaus sehr herzlich willkommen: »Es ist einfach eine großartige Truppe in Frankfurt, was man gerade in diesen speziellen Zeiten umso mehr schätzt. Man steht zusammen und denkt positiv.« Bernd Loebe hatte ihr das Engagement nach einem gemeinsamen Konzert der Opernstudios von Frankfurt und Warschau, wo die Sopranistin als Stipendiatin am Teatr Wielki sang, angeboten.

 

HEAVY METAL TRIFFT »AIDA«

Schon als Kleinkind hat Monika es geliebt, zu singen. Ihre frühesten Aufnahmen verdankt sie ihren beiden Brüdern, die Spaß daran hatten, die begeisterte Performance ihrer kleinen Schwester vor einem imaginären Publikum auf Audiokassetten festzuhalten. Dass ihr Weg sie irgendwann in große Opernhäuser führen würde, hat damals allerdings noch niemand geahnt, obwohl bei den Buczkowscy zuhause, in einer kleinen Stadt bei Poznań, viel Musik gehört wurde: »Vor allem Oldschool Rock, Heavy Metal und Jazz – das war die Musik von meinem Vater und meinen Brüdern. Ich denke, auch deshalb war ich schon immer sehr offen und nicht nur auf ein Genre fixiert. Ich habe angefangen, privaten Geigenunterricht zu nehmen. Als ich dann an der Musikschule weiterlernen wollte, war ich schon zu alt, also habe ich nach ein paar Jahren wieder aufgehört.« Daneben sang Monika viele Jahre im Kirchenchor. Ihr Schuldirektor war es, der auf ihre Stimme aufmerksam wurde – also warum nicht richtig mit dem Singen anfangen?

Als 11-Jährige war Monika zusammen mit ihrer Schulklasse zum ersten Mal in der Oper. »Wir haben Halka von Stanisław Moniuszko gesehen, eine polnische Oper. Eigentlich hat es mir überhaupt nicht gefallen. Wahrscheinlich war ich einfach zu jung. Mit 15, parallel zum Beginn meiner Gesangsausbildung, bin ich dann aber wieder in die Oper gegangen – Aida. Ich war begeistert. Und irgendwann habe ich Halka ein zweites Mal gesehen und dachte: Was für eine wunderschöne, tragische Geschichte, was für eine fantastische Musik!«

Die Titelpartie ist inzwischen eine ihrer Traumrollen – »auch wenn das ein fast unerfüllbarer Traum ist«, ergänzt sie. Eine weitere Rolle, die sie in ferner Zukunft, »falls meine Stimme die Entwicklung dahin mitmacht«, wahnsinnig gerne singen würde, ist Puccinis Tosca. Die Musik und der Charakter dieser Figur faszinieren Monika: »Eine Künstlerin, eine liebende und sensible Frau, die ich sehr gut verstehen könnte, glaube ich.«

 

 MONIKA BUCZKOWSKA (RECHTS) UND KELSEY LAURITANO IN PERGOLESIS »STABAT MATER« IM OKTOBER 2020

 

WENN GESANG DIE WELT ANHÄLT

»Als ich 19 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal in einem professionellen Kontext auf der Bühne gestanden und in dem Moment wusste ich: Dieses Gefühl will ich gegen nichts in der Welt eintauschen!«, erinnert sich Monika. Und das, obwohl diese Zeit nicht immer nur leicht war: Gedanken an die eigene Technik oder das Publikum haben Monika manchmal ganz schön nervös gemacht und unter Druck gesetzt. Nach wie vor ist für sie klar, dass dieser Beruf zuallererst harte Arbeit bedeutet. Da könne es schon mal passieren, dass man zwischen all den Proben und Anforderungen, die von so vielen Seiten an Opernsänger*innen gestellt werden, kurz vergisst, wofür man diesen ganzen Aufwand betreibt. Und je nach Charakter bestehe sogar die Gefahr, an diesem Beruf kaputt zu gehen, sagt Monika.

 

»Aber dann gibt es wieder diesen Moment, den ich mit 19 Jahren zum ersten Mal empfunden habe: Für einen kurzen Augenblick hört das Publikum nur mir zu, ist darauf konzentriert, was ich vermittle, welche Gefühle, welche Inhalte … Ich erlebe dabei eine große Stille mitten in unserem oft so lauten Alltag und eine besondere Verbindung zwischen der Bühne und dem Publikum. Wir brauchen solche Momente – gerade in diesen seltsamen Zeiten!«

 

Wenn wir diese Augenblicke auch derzeit nicht vor Ort mit ihr teilen können, so gibt es doch zumindest die Möglichkeit, die Sopranistin im Video des Liederabends am 8. Januar an der Seite ihrer Ensemblekolleg*innen Zanda Švēde, Gerard Schneider, Nicholas Brownlee und Takeshi Moriuchi zu erleben.

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FOKUS, ENERGIE UND AUFBRUCH

Um sich auf ihre Auftritte vorzubereiten, versucht Monika sich zu entspannen, zu fokussieren und mit niemandem zu reden: »Ich bin einfach so nervös, dass ich in dieser Situation nicht immer besonders nett bin.« Monika isst in diesen Stunden gerne Weintrauben, weil sie Zucker haben und Energie geben, ohne den Magen zu sehr zu belasten. Das hat sie sich von ihrer langjährigen Gesangslehrerin und Mentorin Barbara Mądra abgeguckt, die ihren musikalischen Weg von Anfang an begleitete.

Zwischen dem polnischen und dem deutschen Kulturleben sieht die junge Sopranistin Unterschiede: »Ich habe das Gefühl, klassische Musik und Oper gehören in Deutschland etwas mehr zum Alltag und zur allgemeinen Erziehung als bei uns in Polen. Allerdings gibt es auch dort immer mehr Programme und Formate, um jüngeres Publikum an Oper heranzuführen. Und das Theater selbst verändert sich, es wird zeitgemäßer. Glücklicherweise machen auch immer mehr polnische Sänger*innen große Karrieren, so dass Oper zunehmend ins allgemeine Bewusstsein drängt.« Monika möchte diesen Wandel gerne aktiv mitgestalten:

 

»All das hängt auch von uns jungen Sängerinnen und Sängern ab, die die Wahrnehmung oder Vorstellung von Oper heute verändern können, was viele meiner polnischen Kolleg*innen ganz wunderbar tun, wie zum Beispiel Jakub Józef Orliński. Es wäre schön, wenn ich selbst einen Teil dazu beitragen könnte.«

 

NEU-FRANKFURTERIN MIT BEGEISTERUNG

»Ich liebe Frankfurt! Es ist eine große und gleichzeitig ist es keine große Stadt. Es hat diese besondere Mischung aus Business und Nicht-Business, aus neuen Gebäuden und historischer Architektur. Ich liebe den Main, den Stadtwald und die Altstadt. Und ich freue mich riesig darauf, alles zu entdecken, was Frankfurt zu bieten hat.«

Außerdem möchte sie in ihrer freien Zeit gerne wieder mehr Filme sehen, öfter nähen und lesen – vor allem Biografien inspirieren sie sehr – »und ich hätte große Lust, Tanzunterricht zu nehmen oder Ukulele spielen zu lernen. Mein Engagement hier in Frankfurt ist in jeder Hinsicht ein Neustart – im besten Sinne!«

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Text: Mareike Wink

17. Januar 2021

 

WIR SIND OPERNHAUS DES JAHRES

Bereits zum 5. Mal wurde die Oper Frankfurt von den Autor*innen des Fachmagazins Opernwelt zum »Opernhaus des Jahres« gewählt – zum 4. Mal während der Intendanz von Bernd Loebe, der sein Amt 2002 antrat. Als der Lockdown die Theater in Deutschland am 13. März 2020 ereilte, hatte die Oper Frankfurt gerade die dritte Aufführung von Strauss’ Salome in der äußerst erfolgreichen Inszenierung von Barrie Kosky gespielt. Es standen noch vier Neuproduktionen auf dem Programm. Die meisten dieser Produktionen werden wir zu einem späteren Zeitpunkt zeigen und damit nachträglich das Bild von der Saison 2019/20 vervollständigen, wie sie eigentlich hätte stattfinden sollen. Zum Jahresende blicken wir noch einmal zurück auf die prämierte Spielzeit.

 

 

BERND LOEBE, Intendant

BERND LOEBE, FOTO: KIRSTEN BUCHER

»Wir verstehen die Auszeichnung ›Opernhaus des Jahres‹, die uns für eine verkürzte Spielzeit zuteilwurde, als Ansporn, den seit 2002 eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Der Blick auf die weiteren, von den Opernwelt-Autor*innen ausgezeichneten Künstler*innen zeigt in Frankfurt wohlbekannte Namen, wenngleich nicht alle für ihre am Main geleisteten Arbeiten geehrt wurden. Wir haben sie um ein kurzes Statement gebeten: Frankfurts Lustige Witwe Marlis Petersen (›Sängerin des Jahres‹), die im Mai 2021 für einen Liederabend zurückkehrt, Jakub Józef Orliński (›Sänger des Jahres‹), der als Händels Rinaldo im Bockenheimer Depot sowie als Unulfo in Rodelinda und mit einem Liederabend begeisterte, Tobias Kratzer (›Regisseur des Jahres‹), mit Meyerbeers L’Africaine und Verdis La forza del destino in Frankfurt außerordentlich erfolgreich und bereits für kommende Spielzeiten erneut verpflichtet, sowie Katrin Lea Tag (›Bühnenbildnerin des Jahres‹), die mitverantwortlich für den überragenden Erfolg unserer Salome ist.«

 

 

JAKUB JÓZEF ORLIŃSKI, Sänger des Jahres

JAKUB JÓZEF ORLIŃSKI, FOTO: JIYANG CHEN

»Ich habe eine sehr besondere Beziehung zur Oper Frankfurt. Mit dem Angebot, Händels Rinaldo zu singen, hat sie im Jahr 2017 meinen ersten großen Operntraum wahrwerden lassen. Seit meinem Studium in Warschau, während dem ich einige Rinaldo-Arien lernte, bin ich wie besessen von der Musik dieser Oper. Seit Rinaldo habe ich einige Male hier gesungen und in der vergangenen Spielzeit auch einen Liederabend gegeben. Die Atmosphäre an der Oper Frankfurt ist großartig, freundlich und die Menschen sind wahnsinnig nett. Außerdem arbeiten einige meiner Freunde hier. Ich bin immer sehr happy, hierher zurückzukommen.«

 

 

MARLIS PETERSEN, Sängerin des Jahres

MARLIS PETERSEN, FOTO: YIORGOS MAVROPOULOS

»Die Sängerin des Jahres gratuliert sehr herzlich dem Opernhaus des Jahres! Ich erinnere mich gerade an mein erstes Engagement in Frankfurt anno 2007 mit der Entführung aus dem Serail. Das schwingt noch in mir … Unvergesslich ist für mich auch die Premiere der Lustigen Witwe in der Regie von Claus Guth mit Joana Mallwitz am Pult. Bewundernswert sind für mich die Liederabend-Reihen, die kein anderes Haus so konstant als Bestandteil des Opernspielplans aufrechterhält wie die Oper Frankfurt, um die eigenen Künstler*innen und Gäste auch mit dem Genre Lied zu präsentieren. Ein besonderer Dank gilt dem Publikum, das diese Möglichkeit so begeistert annimmt! Die Oper Frankfurt ist in meinen Augen eines der qualitativ konstantesten und künstlerisch wertvollsten Häuser, das auch den jungen Nachwuchssänger*innen eine Plattform zum Wachsen gibt, und immer neue Visionen verfolgt und in die Tat umsetzt. All das spricht für eine gute und immer auch kampfbereite Leitung des Hauses. Ich wünsche uns allen, dass die Kunst in diesen wilden Zeiten weiterleben kann und wir gemeinsam einen Weg finden, uns gegenseitig zu unterstützen. und wertzuschätzen. In diesem Sinne: volle Kraft voraus und auf ein Wiedersehen zum Innenwelt-Liederabend am 24. Mai 2021!«

 

 

TOBIAS KRATZER, Regisseur des Jahres

TOBIAS KRATZER, FOTO: ENRICO NAWRATH

»Die Oper Frankfurt gleicht der Stadt, in der sie beheimatet ist: Sie ist weltstädtisch genug, um Werke auf internationalem Spitzenniveau zu besetzen und musikalisch ohne Kompromisse zu realisieren. Aber sie ist zugleich familiär genug, um die Arbeit eines Regisseurs nicht durch die Netze und Fallstricke eines reinen Starbetriebs zu beschweren. Als ich in der vergangenen Saison in der Oper Frankfurt die Aufführung eines Kollegen besucht habe, sprach mich im Foyer eine Besucherin an, um mich zu einem – wie ich dachte – am Rande der Wahrnehmbarkeit verborgenen Detail zu befragen: zu einem kurzen Klarinettensolo, das ich in der Spielzeit zuvor in meiner Produktion von Verdis La forza del destino inszenatorisch ausgedeutet hatte – inmitten einer Szene visuellen Overkills. Ich war verblüfft. Und doch steht diese Begegnung exemplarisch für die Genauigkeit und Neugierde, mit der Oper hier nicht nur produziert, sondern auch rezipiert wird. Ich gratuliere der Oper Frankfurt zu ihrem Publikum. Und dem Frankfurter Publikum zu seiner Oper. Und beiden zum ›Opernhaus des Jahres‹!«

 

 

 

KATHRIN LEA TAG, Bühnenbildnerin des Jahres

KATHRIN LEA TAG, FOTO: MONIKA RITTERSHAUS

»Ein Bühnenbild, wie in unserer Produktion von Salome, soll großen Freiraum für den Betrachter lassen, sodass man in ihn eintauchen kann, soll Assoziationen freilassen, die nicht gleich alles definieren, Enge oder Weite, Unendlichkeit oder etwas ganz Klaustrophobisches, nicht konkrete Orte. In Carmen ging es dagegen um einen Ort, der Begegnung in allen Facetten zulässt, in allen Höhen und Tiefen.«

 

 

 

 

 

 

 

 

FÜNF PRESSESTIMMEN

Wie wird man »Opernhaus des Jahres«? Die Zeitschrift Opernwelt veranstaltet alljährlich eine Umfrage unter ca. 50 Kritiker*innen. Wer die meisten Stimmen auf sich vereinigen kann, wird mit diesem Prädikat ausgezeichnet. Jenseits der Opernwelt-Bestenliste haben wir einige Pressestimmen zu einzelnen Produktionen der letzten Spielzeit ausgewählt. Lesen Sie nach den fünf Wortmeldungen von ausgezeichneten Künstler*innen fünf kurze Ausschnitte aus Kritiken, die weitere Aspekte aufgreifen.

 

SALOME – EIN COUP

»Ein Coup – selten wurde Richard Strauss’ Salome so packend auf den Punkt gebracht wie von Joana Mallwitz und Barrie Kosky an der Oper Frankfurt«
Gerhard R. Koch, Opernwelt

 

TAMERLANO – RADIKAL, MODERN

»Oper kann so radikal, so modern sein. Oper kann alles.«
Bernd Zegowitz, Badische Neueste Nachrichten

 

MANON LESCAUT – EIN JUBELSTURM

»Und als endlich (…) das Aufbegehren gegen den Tod ein leises Ende gefunden hat und die beiden zusammengekauert bewegungslos in der Ödnis beieinander liegen, ist es im Zuschauerraum sekundenlang totenstill. Dann bricht ein Jubelsturm los.«
Andrea Richter, www.faustkultur.de

 

PÉNÉLOPE – EINE ENTDECKUNG

»In wie vielen Städten wäre man wohl so glücklich, während eines verlängerten Wochenendes Neuproduktionen von Faurés Pénélope und Tristan und Isolde zu begegnen, mit einer Wiederaufnahme von Händels Radamisto dazwischen? Es muss schon Frankfurt sein, wo Bernd Loebes aufklärerische Intendanz fortfährt, ein Repertoire zu entdecken, von dem man anderswo nur träumen kann.«
Hugh Canning, Opera (Übersetzung: Oper Frankfurt)

 

TRISTAN UND ISOLDE – DAS ORCHESTER ALS MOTOR

»Vor allem treibt das Opern- und Museumsorchester die Sache weiter, das unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle wirklich der Motor unter, über und im Geschehen ist.«
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

 

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Die O-Töne entstanden für einen 2-teiligen Artikel für das Opernmagazin. Aufgrund der Schließung der Opernhäuser seit November 2020 bis voraussichtlich Ende März 2021 blieb Teil 2 bisher unveröffentlicht. Zusammengestellt wurden die Zitate von der Dramaturgie.

28. Dezember 2020

NEU IM ENSEMBLE: FLORINA ILIE

HÖHENFLÜGE – WIE UNSER NEUES ENSEMBLEMITGLIED SÄNGERIN WURDE

Ihr ursprünglicher Traum war: Flugbegleiterin. Doch mit der Aufnahmeprüfung für die Ausbildung auf der einzigen Schule in Rumänien klappte es nicht. Und dann wurde ein anderer Traum wahr: Singen. Zur Musik war Florina Ilie schon früh gekommen, obwohl es im Elternhaus keine ausübenden Musiker*innen gab. Im oberen Stockwerk ihres Kindergartens befand sich eine Musikschule, und die Klavierklänge, die aus den Fenstern drangen, faszinierten sie. Doch wie Klavierspielen lernen – ohne Klavier? Man riet ihr dazu, es mit der Geige zu versuchen, denn dieses Instrument war leichter zu beschaffen. Ihre Leidenschaft dafür hielt sich aber trotz acht Jahren Unterrichts in Grenzen. Es war ihre Geigenlehrerin, die ihr schließlich vorschlug, im Chor zu singen. Da war Florina Ilie in ihrem Element!

 

VON BUKAREST ÜBER WIEN NACH FRANKFURT

Die junge Rumänin studierte Gesang in ihrer Geburtsstadt Bukarest: Hier klappte es mit der Aufnahmeprüfung. Und es kam noch besser: Im Rahmen eines Postgraduierten-Studiums wurde sie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Wien aufgenommen. Florina Ilie:

 

»In Wien tat sich mir eine neue Welt auf. Allein das Publikum auf den Stehplätzen der Staatsoper und in den anderen Musikinstitutionen! Die waren oft sehr kritisch. Ich habe erlebt, wie Sänger*innen ausgebuht wurden, vor denen ich viel zu viel Ehrfurcht gehabt hätte. Zugleich war großer Kunstverstand und echte Begeisterung zu spüren!«

 

Erste Auftrittsmöglichkeiten ergaben sich bei den Opernfestspielen in Klosterneuburg. Dort sang sie Annina (La Traviata) und Antonia (Hoffmanns Erzählungen). Ein Angebot, fest ins Ensemble der Wiener Staatsoper zu gehen, lehnte sie auf Anraten ihrer Lehrer*innen an der Wiener Musikhochschule ab. Denn dort hätte sie nur Auftrittsmöglichkeiten als Cover oder in kleinen Rollen erhalten. Stattdessen nahm sie 2018 begeistert das Angebot von Intendant Bernd Loebe an, ins Opernstudio der Oper Frankfurt zu wechseln.

 

IM OPERNSTUDIO: VON ANFANG AN AUCH HAUPTROLLEN

In den zwei Jahren im Opernstudio hat Florina Ilie bereits eine Vielzahl von Rollen gesungen – darunter auch die ganz großen: Ilia in Mozarts Idomeneo, Gilda in Verdis Rigoletto und Valencienne in Lehárs Die lustige Witwe. Über die zuletzt genannte Rolle sagt die die junge Sopranistin: »Operette, mit Tanz und Dialogen: Das war ein besonderer Spaß!«

 

 

Mozart gehört zu ihrem Kernrepertoire; Pamina, Susanna, Donna Elvira und Despina hat sie in Rumänien schon gesungen, daneben in Frankfurt die Barbarina. Ende der Spielzeit 2019/20 war hier ihre erste Zerlina geplant, fiel jedoch der Pandemie zum Opfer. Bestimmte Rollen von Richard Strauss passen sehr gut zu ihr, obwohl dieser Komponist eigentlich nicht im Zentrum ihres »Stimmfachs« steht; neben der Najade (Ariadne auf Naxos) liebt sie die Partie der Italienischen Sängerin (Capriccio):

 

»Das ist sozusagen die Karikatur einer Belcanto-Primadonna. Belcanto liegt mir sehr; in Bukarest habe ich schon die Adina in L’elisir d’amore gesungen. Besonders hatte ich mich diesen Herbst auf eine weitere Donizetti-Partie gefreut: die Norina in Don Pasquale. Eine Traumrolle!«

 

TRAUMROLLEN WÜNSCHT SIE SICH NUR IM STILLEN

Mit den Traumrollen kann das manchmal so eine Sache sein. Die Premiere der Neuinszenierung Don Pasquale im Bockenheimer Depot war für November 2020 vorgesehen. Doch dann kam der zweite Lockdown. Jetzt wartet Florina Ilie sehnsüchtig darauf, ihre Norina endlich dem Publikum präsentieren zu können. Apropos Traumrolle: »Ich denke meist nur ganz im Stillen daran, welche Partie ich mir wünsche. Bisher sind die Rollen immer zu mir gekommen, oft ganz unerwartet!«

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Mit einem kleinen Gruß aus ihrer Heimat ist Florina trotz der Theaterschließung derzeit zu erleben: Beim digitalen Adventskalender der Oper Frankfurt hat sie gleich das erste Türchen, den 1. Dezember, mitgestaltet. Zusammen mit dem rumänisch-österreichischen Bariton Liviu Holender, dem ebenfalls aus Rumänien stammenden Cellisten Bogdan Kisch aus unserem  Orchester und mit dem Repetitor Felice Venanzoni am Klavier singt sie rumänische Weihnachtslieder.

Hand aufs Herz – so schön das Fliegen auch ist: Wir als Publikum freuen uns über jeden ihrer Höhenflüge auf der Opernbühne.

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Das Gespräch mit Ensemblemitglied Florina Ilie führte Dramaturg Konrad Kuhn für einen Artikel, der im Opernmagazin erschienen ist. Für ihn müssen es nicht immer Höhenflüge sein; er wünscht sich vor allem, dass wir bald wieder Musik machen und für Sie spielen dürfen.

 

10. Dezember 2020

UNTER DEM DRUCK DER ZEIT

BERND LOEBE IM GESPRÄCH MIT KLAUS UND GUIDO IMBESCHEIDT

60 Jahre lang begleitete die Frankfurter Traditionsdruckerei Imbescheidt und Co. die Oper Frankfurt als treuer Partner. Nach einer 140-jährigen Firmengeschichte musste das Traditionsunternehmen in fünfter Generation nun schließen. Die Oper Frankfurt verliert damit nicht nur »ihre« Druckerei und ihren Programmheft-Verleger, sondern auch eine Drucker-Familie, der es täglich auf jeden einzelnen Buchstaben in zahlreichen Publikationen ankam.

 

1951: IMBESCHEIDT-LIEFERWAGEN VOR DEM ALTEN SCHAUSPIELHAUS AM THEATERPLATZ (HEUTE WILLY-BRANDT-PLATZ), IN DEM NACH DEM KRIEG OPERNVORSTELLUNGEN STATTFANDEN © Druckerei Imbescheidt

Bernd Loebe: Ich hatte vor Kurzem ein altes Programmheft aus den 60er Jahren in den Händen.

Klaus Imbescheidt: Da habe ich ältere! Wir haben 1949 angefangen, für die Oper Frankfurt zu drucken.

Bernd Loebe: Es war immer mehr als nur eine rein geschäftliche Beziehung, oder übertreibe ich?

Klaus Imbescheidt: Es war mehr als eine geschäftliche Beziehung – es war meine Leidenschaft! Ich habe damals in Stuttgart die junge Anja Silja gehört und die Ring- und Tristan-Inszenierungen von Wieland Wagner gesehen. Und da hat es mich gepackt, ich wollte Musik studieren. Mein Vater hat mir das Musikstudium genehmigt, aber er sagte: »Du machst erstmal eine ordentliche Ausbildung, wer weiß, was mit deiner Musik passiert.« Ich habe dann allmählich gemerkt, dass er Recht hatte. Also habe ich zu meinem Vater gesagt: »Ich übernehme die Druckerei, aber ich will für die Städtischen Bühnen weiterarbeiten und diesen Bereich ausbauen. Waschmittelwerbung drucke ich nicht.«. 1964 kam ich in den Betrieb und habe mir ziemlich schnell den künstlerischen Bereich unter den Nagel gerissen: Im Laufe der Zeit kamen das Theater am Turm, der Mousonturm, später die Alte Oper, dann der Hessische Rundfunk und die Pro Arte Konzerte dazu. Die Druckerei Imbescheidt wurde die Kultur-Druckerei Frankfurts.

Bernd Loebe: Wie war es für Sie als Sohn, unter einer derart starken Persönlichkeit aufzuwachsen und eine eigene Meinung, vielleicht auch eine ganz andere Sympathie für die Musik, für das Theater, für die Städtischen Bühnen zu entwickeln?

Guido Imbescheidt:  Die starke Persönlichkeit war zweifelsohne da, andererseits hat mir mein Vater immer wahnsinnig viele Freiheiten gelassen. Davon habe ich sehr profitiert. Mein Vorteil war, dass er mich in frühen Jahren sehr viel in die Oper und ins Konzert mitgenommen hat. Dadurch bin ich mit der klassischen Musik und dem Musiktheater so vertraut geworden, dass ich bis heute sehr gerne in die Oper gehe.

Bernd Loebe: Zu einer solchen symbiotischen Zusammenarbeit gehört ja auch, dass die Städtischen Bühnen immer sehr zufrieden waren mit der Leistung von Imbescheidt. Wir haben es sehr genossen, wie flexibel und schnell Sie gearbeitet haben, – Sie waren stets da, wenn man Sie gebraucht hat.

Klaus Imbescheidt: Das war für uns eine Selbstverständlichkeit, weil wir mit dem Haus so verwachsen sind. Unsere ganze Belegschaft wusste: Überstunden können kurzfristig immer drin sein.

Bernd Loebe: 1994 gab es an der Oper Frankfurt eine Situation, in der der damalige Intendant Martin Steinhoff gesagt hat: »Ich habe kein Geld mehr für Programmhefte. Wir machen vielleicht noch einen Besetzungszettel, und das war’s.« Und da haben Sie gesagt: »Das können die Städtischen Bühnen nicht machen.«

Klaus Imbescheidt: Ja, ich habe damals zu Steinhoff gesagt: »Geld hin, Geld her, das geht so nicht, dann übernehmen wir die Programmhefte.« Er sagte: »Ihr müsst sie dann aber auch finanzieren.« Wir haben hin und her gerechnet und kamen zu der Einigung, dass die Programmhefte seitdem bei der Druckerei Imbescheidt produziert werden.

Bernd Loebe: Nun sind Sie zu der bitteren Erkenntnis gekommen, dass Ihre Firma an Grenzen stößt. Dass Sie eine Zäsur einläuten müssen. Das stelle ich mir als einen sehr schweren Prozess vor.

Guido Imbescheidt: Ein sehr schwieriger Prozess, der über Jahre gereift ist. Es ist schwer geworden, in der Druckbranche Geld zu verdienen, und wir haben schon in den letzten Jahren an allen Ecken und Enden gespart, um noch klarzukommen. Im letzten Jahr wurde es immer schwieriger und ich habe sehr konkret darüber nachgedacht, den Beendigungsschritt zu gehen. Es tut wahnsinnig weh, aus unterschiedlichsten Gründen: Da geht es um Familientraditionen, gute, lange gewachsene Beziehungen … Aber es ist andererseits bei der Entwicklung, die wir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren erlebt haben und die wir auch noch in den nächsten Jahren erleben werden, einschließlich dem, was das Virus Covid-19 gerade verursacht, der einzig sinnvolle Schritt.

Bernd Loebe: Damit meinen Sie konkret die Konkurrenz durch das Digitale?

Guido Imbescheidt: Ja, das kann man so sagen. Wir haben in der Druckindustrie deutlich darunter gelitten, dass man über das Internet Aufträge anders verteilen kann. Da gibt es einige sehr große Online-Druckereien, die zwar klassisch drucken, aber so viel günstiger sind. Das hat alles deutlich verändert. Wir stehen in einer Reihe von vielen, auch großen Druckereien im Frankfurter Raum, die alle schon zugemacht haben oder demnächst schließen werden.

Bernd Loebe: Ich denke, auch hier rede ich für viele Kolleg*innen in der Stadt, wenn ich sage, wir bedauern es sehr. Die Zusammenarbeit war immer vorzüglich, die Leidenschaft war da, Sie waren immer präsent, auch in zahlreichen Vorstellungen unseres Hauses. Da bricht tatsächlich eine Frankfurter Tradition und Institution weg, wenn es Imbescheidt nicht mehr gibt.

Klaus Imbescheidt: Wir wollen uns nicht überbewerten. Aber wenn man etwas so lange gemacht hat, tut es einem wirklich in der Seele weh.

Bernd Loebe: Welche Hoffnung haben Sie für die Zukunft der Städtischen Bühnen?

Klaus Imbescheidt: Ich habe eigentlich nur die Hoffnung, dass ihr weiterhin gute Oper macht, wo auch immer in Frankfurt. Ich persönlich habe mich so an die Theaterdoppelanlage, das Wolkenfoyer gewöhnt, dass ich mich riesig freuen würde, wenn wir das Haus so erhalten könnten. Aber ich verstehe auch, wenn es neu gebaut werden muss.

Bernd Loebe: Sie bleiben uns also treu?

Klaus Imbescheidt: Als Besucher bleiben wir Ihnen treu, solange wir laufen können. So zwölf, vierzehn Mal bin ich im Laufe einer Saison mindestens im Haus. Das soll auch so bleiben.

Guido Imbescheidt: Es ist schlimm genug, dass die Geschäftsbeziehung zum Opernhaus enden muss. Die persönliche Beziehung werde auch ich selbstverständlich aufrecht erhalten – hier wird herausragendes Musiktheater gemacht, das lassen wir uns auch in Zukunft keinesfalls entgehen!

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Das Gespräch zwischen Bernd Loebe und Klaus und Guido Imbescheidt entstand im Rahmen des Opernmagazins. Redaktion: Laura Salice

 

18. November 2020

ÜBER GRENZEN HINWEG – TROTZ CORONA VERBUNDEN DURCH DIE MUSIK

WIE UNSER ORCHESTER TROTZ LOCKDOWN MIT DEM YOMIURI NIPPON SYMPHONY ORCHESTRA TOKYO MUSIZIERTE

Im Sommer 2020 kam es zu einer ganz besonderen Art der Zusammenarbeit zwischen dem Yomiuri Nippon Symphony Orchestra und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester. 107 Musiker*innen trafen sich während des Lockdowns im digitalen Raum und spielten gemeinsam, über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg, das Vorspiel von Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg«.

 

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Das Yomiuri Nippon Symphony Orchestra ist eines der größten Orchester in Japan und eine Top-Adresse unter den japanischen Orchestern. Seit dem Jahr 2019 ist Sebastian Weigle neben seiner Tätigkeit als Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt dort auch als Chefdirigent tätig. Wir haben mit der Geigerin Nobuko Yamaguchi und den beiden Mitgliedern des Orchestervorstands Regine Schmitt (Geige) und Matthias Höfer (Bassklarinette) über das Projekt gesprochen.

 

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Yomiuri Nippon Symphony Orchestra (YNSO) zustande?

Nobuko Yamaguchi: Die erste Idee kam Ende April in einem privaten Telefongespräch mit Hiroharu Okubo auf, der beim YNSO in Tokio in der Verwaltung arbeitet. Ich kenne das Orchester und die Musiker*innen persönlich seit Studienzeiten und weil ich dort ab und zu als Aushilfe spiele. Wir haben über die schwierige Situation für Musiker*innen gesprochen, die zu diesem Zeitpunkt auf der ganzen Welt für alle gleich war, ob in Europa oder Asien. Hiroharu hatte dann spontan die Idee, dass man vielleicht mit den Frankfurter Kolleg*innen etwas zusammen machen könnte. Ich habe sofort unserem Orchestervorstand geschrieben und so die Idee aus Tokio nach Frankfurt übermittelt. Hier hat man gleich ganz euphorisch reagiert.

Regine Schmitt: Zunächst war nur klar, dass eine Zusammenarbeit Corona-bedingt online erfolgen muss. Es kristallisierte sich dann heraus, dass wir ein die Kontinente verbindendes Signal geben wollten: Schaut her, es gibt uns noch!  Musik ist eine universelle Sprache, sie verbindet uns, erst recht in einer Zeit, in der wir alle von der gleichen Gefahr bedroht sind.

Nobuko Yamaguchi: Ich habe schon als Kind angefangen, Musik zu machen, und es war sehr deprimierend, dass für uns Musiker*innen nun auf einmal so viel wegbrach, und zwar auf unbestimmte Zeit. Wir mussten zu Hause bleiben und konnten nicht für unser Publikum spielen. Die Botschaft, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, war uns wichtig.

 

MATTHIAS HÖFER, NOBUKO YAMAGUCHI UND REGINE SCHMITT VOM FRANKFURTER OPERN- UND MUSEUMSORCHESTER IM GESPRÄCH

 

Ihr habt das Vorspiel von Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg« eingespielt. Warum gerade dieses Stück?

Matthias Höfer: Unsere japanischen Kolleg*innen wollten unbedingt etwas aus der deutschen Romantik spielen. Und natürlich musste berücksichtigt werden, was technisch überhaupt  zu realisieren ist. Praktischerweise hatte Sebastian Weigle dieses Vorspiel in einem Konzert von YNSO bereits dirigiert und es gab somit eine Videoaufnahme.

Wie funktioniert das technisch, wenn Musiker*innen aus Japan und Deutschland von zu Hause aus zusammenspielen wollen?

Matthias Höfer: Wir haben eine Klickspur zu dem Konzertmitschnitt aus Japan erstellt. Auf der Basis der Interpretation in diesem Konzert haben wir dann bei der Aufnahme wieder auf diese Klickspur gespielt. Man hört in dem Video also tatsächlich die Einzelspieler*innen, die man auch sieht –  es gibt  kein Playback. Die Einzelaufnahmen sind später im Studio zusammengefügt worden.

Regine Schmitt: Damit man hunderte Aufnahmen zu einem Stück zusammen schneiden kann, müssen alle Musiker*innen exakt auf der gleichen Tonhöhe sein, dasselbe Tempo und dieselbe musikalische Interpretation spielen. Dass am Schluss ein Stück mit allen Stimmen, die in der Partitur stehen, rauskommt, ist ein technisch wirklich enorm hoher Aufwand, der sehr viel Geschick erfordert.

Matthias Höfer: Wer mal ein Instrument gelernt hat, weiß, wie das ist, wenn man mit einem Metronom übt – das Gerät gibt durch akustische Impulse ein konstantes Tempo vor, an dem man sich orientieren kann (schnippt). Bei uns kam natürlich dazu, dass dieser Klick nicht rein metronomisch, sondern eine genaue Abbildung des Konzerts mit Weigle in Tokio war.

Regine Schmitt: Die Klickspur ist sozusagen der akustische Reiz, der das Tempo vorgibt und auch die Musikbewegung des Dirigenten abbildet.

Matthias Höfer: Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Streicher*innen als große Gruppe spielen und die Bläser*innen von beiden Orchestern die Solos abwechselnd spielen. Das heißt, es gibt eine erste Flöte aus Tokio und eine erste Flöte aus Frankfurt und so weiter.

Regine Schmitt: Natürlich war neben der Klickspur auch Notenmaterial erforderlich. Vor allem identische Striche für die Streicher*innen, damit hier kein Chaos entsteht. Wir haben uns dann darauf geeinigt, die Noten vom YNSO zu übernehmen.

Nobuko Yamaguchi: Mir hat es bei der Vorbereitung auch sehr geholfen, das Video von dem Konzert, auf dem die Aufnahme basiert, anzuschauen. Ich war in ständigem Austausch mit den japanischen Kolleg*innen und habe zwischen den beiden Orchestern vermittelt, teilweise auch übersetzt, obwohl wir hauptsächlich auf Englisch miteinander kommuniziert haben.

In eurem Video sieht man Sebastian Weigle dirigieren. Welche Rolle spielte er bei der Aufnahme?

Matthias Höfer: Unsere Bitte an Sebastian Weigle war, dass er das Stück mit einem Video einleitet, das zeigt, ich bin zu Hause, ich habe kein Orchester zu dirigieren, ich bin in meinem Arbeitszimmer, sitze an meinem Klavier, was wäre, wenn ich jetzt dirigieren könnte? Basierend auf diesem Gedanken spielt er dann ein Motiv und gibt den Einsatz, aus dem heraus das Stück wie eine Art Traumsequenz entsteht.

Wer hat den Zusammenschnitt all dieser Videoaufnahmen gemacht?

Nobuko Yamaguchi: Das hat das YNSO übernommen. Das Orchester wird vom Yomiuri Konzern betrieben, der eine der großen Tageszeitungen in Japan herausgibt und einen Fernsehkanal unterhält. Technik, das Equipment und entsprechend versiertes Personal ist also vorhanden. Den Namen Yomiuri kennt in Japan wirklich jeder.

In den Videos ist ja neben der Musik noch einiges zu sehen …

Regine Schmitt: Die Musiker*innen in Tokio sollten ein blaues Kleidungsstück oder Accessoire tragen und die Frankfurter was Rotes. Damit auf den ersten Blick ersichtlich ist: Hier spielt Frankfurt, dort Tokio.

Matthias Höfer: Außerdem wollten wir gern den Zeitunterschied abbilden, indem z.B. gezeigt wird, dass wir gerade beim Frühstück sitzen, beim Üben den Morgenkaffee trinken, während in Japan die Kinder schon aus der Schule zurückkommen.

Regine Schmitt: Zur Bebilderung des Zeitunterschieds reichte oft ein Requisit, z.B. eine Uhr oder eine Kaffeetasse.

Ihr habt über diese ganze Corona-Lockdown-Zeit verschiedene Videos gemacht. Könnt ihr uns ein bisschen davon erzählen?

Regine Schmitt: Ja, wir haben ein Video mit der Eintracht Frankfurt gemacht, im Herzen von Europa. Das sind wir etwas anders angegangen als das Yomiuri-Video. Wir wollten, dass sich die Musiker*innen in diesem Video gleichzeitig auch sportlich betätigen. Es ist natürlich schwierig, mit Klick im Ohr live Musik zu spielen und dabei beispielsweise auf einem Trampolin herumzuspringen. Alle haben sich dazu was einfallen lassen. Wir hatten bereits eine eigene Aufnahme von diesem Lied, inklusive Chor. Diese fertige Tonspur wurde benutzt und die Musiker*innen haben Playback darauf gespielt und so ihr Video aufgenommen. Schließlich sind auch noch die Fußballer der Eintracht Frankfurt mit ihrem Gesang reingeschnitten worden. Das war ebenfalls ein sehr erfolgreiches Video mit vielen Klicks, natürlich mit einer anderen Herangehensweise und einem anderen Zielpublikum. Die Zusammenarbeit mit YNSO hat künstlerisch auf einem anderen Niveau stattgefunden. Es sind unterschiedliche Produktionen – beide haben ihre Berechtigung.

 

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Was denkt ihr im Rückblick über das Projekt mit dem YNSO?

Nobuko Yamaguchi: Zum Schluss hatte ich eine Gänsehaut. Es hat tatsächlich geklappt, dachte ich, und wir haben schön musiziert. Mir macht es viel Spaß, das Video zu anzusehen. Ich kenne ja die einzelnen Gesichter. Mein Wunsch ist es, dass wir einmal zusammen auf der Bühne stehen und live miteinander spielen können.

Matthias Höfer: Ja, wir hoffen sehr, dass wir das YNSO eines Tages live und persönlich wiedersehen, zusammen spielen oder nach deren Tournee einfach mal zusammen grillen können.

Regine Schmitt: Ohne Nobukos Vermittlung hätte das Projekt nicht geklappt. Sie hat uns angeschoben. Ein positiver Effekt der Coronakrise ist, dass man plötzlich auf ganz neue Ideen und andere Lösungen kommt, um sich auf kreative Art zu verbinden.

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Von ihren Erfahrungen berichteten die Musiker*innen des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters Nobuko Yamaguchi, Regine Schmitt und Matthias Höfer im Interview mit Linda Herrmann. Bearbeitet von Juliane Lehmann und Selina Stefaniak.

11. November 2020