NEU IM OPERNSTUDIO: CLÁUDIA RIBAS

Die portugiesische Mezzosopranistin Cláudia Ribas zählt seit der Spielzeit 2022/23 zum Frankfurter Opernstudio. Im Gespräch mit Mareike Wink erzählt sie, wie sie vom Pharmaziestudium zur Opernbühne kam.

»Singen ist ein Teil meiner Seele, ich habe schon immer gesungen«, sagt Cláudia Ribas. Aber dass sie einmal als Opernsängerin ihr Geld verdienen würde, damit hat die junge Mezzosopranistin nicht gerechnet. In ihrem Heimatland Portugal, wo das Musiktheater und die Kunst im Allgemeinen kaum staatliche Förderung erhalten, ist es für Sängerinnen und Sänger unmöglich, den Lebensunterhalt mit einem Gesangsgehalt zu bestreiten. Am einzigen großen Opernhaus des Landes, dem Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon, gibt es zwar ein kleines Ensemble, »aber sie haben alle einen Zweitjob, um leben zu können«, erzählt Cláudia. Zugleich nimmt sie einen kleinen Aufwind an Investitionen im Opernbereich sowie ein langsam aber stetig wachsendes Interesse der Portugies*innen für die Kunstform wahr, »auch wenn die Oper weiterhin als eher elitär gilt«.

Faszination Bühne

Wenn sich Cláudia an ihren eigenen ersten Opernbesuch erinnert, muss sie schmunzeln: »Ich bin eingeschlafen, weil es einfach langweilig war. Wir saßen mit unserer Klasse sehr weit oben, sehr weit außen und haben nur eine Hälfte der Bühne gesehen. Was mich dann aber völlig umgehauen hat, war der Besuch Backstage. Am Lissaboner Opernhaus haben sie noch immer das alte, manuelle System mit Seilwinden und Sandsäcken, um die Kulissen auf der Bühne zu bewegen. Das fand ich wahnsinnig faszinierend.« Als Sängerin ist es vor allem der Mix der Genres, der Cláudia begeistert: »Denn man ist Sängerin und Schauspielerin zugleich und in dieser Doppelfunktion gibt man außerdem immer auch etwas von sich selbst an das Publikum.«

Eine singende Apothekerin

Die Liebe zum Gesang wurde Cláudia und ihrer Schwester von der Mutter in die Wiege gelegt, die in einem Chor sang. Das mehrstimmige gemeinsame Singen war fester Bestandteil des Alltags der Familie Ribas in Viseu, einer Kleinstadt in den Bergen zwischen Lissabon und Porto. »Zuhause wurde viel brasilianische Musik, Folk, Chormusik und mit meinem Großvater auch ein bisschen Oper gehört.« Irgendwann begann Cláudia im Coro Misto da Universidade de Coimbra zu singen, wo man ihr riet, am Konservatorium Gesangsunterricht zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war sie für Pharmazie eingeschrieben und trat auch damit in familiäre Fußstapfen: Denn schon ihre Mutter und Großmutter haben ein Pharmaziestudium absolviert.

»Ich hatte mich auch für Krankenpflege beworben, weil ich die Arbeit mit Menschen mag. Aber Pharmazie hielt ich dann doch für sinnvoller. Ich dachte: ›Let’s do it.‹ Und es hat mir tatsächlich Spaß gemacht. Mit dem zusätzlichen Gesangsunterricht waren meine Tage allerdings ziemlich voll. Dann habe ich ja noch im Uni-Chor und auch in der Big Band der Uni gesungen und Saxofon gespielt: viel Studieren und viel Musik – alles parallel.« Nach Beendigung des Pharmaziestudiums half Cláudia immer wieder in der familieneigenen Apotheke aus: »Dieser Teil von mir ist wie ein Alter Ego, eine Art Parallelleben in einem anderen Universum.«

If not – I’ll keep it as a hobby

Einige Jahre ließ es Cláudia drauf ankommen und bewarb sich für ein Gesangsstudium in den Niederlanden. »Ich dachte mir: If I get in – fine, if not – I’ll keep it as a hobby.« Schließlich hatte die angehende Gesangsstudentin sogar die Wahl zwischen Amsterdam und Den Haag. Sie entschied sich für Amsterdam: »Dort sagte man mir zum ersten Mal, dass ich eigentlich eine tiefe Stimme habe. Wir begannen also, in diese Richtung zu arbeiten und ich merkte: Wow, das fühlt sich doch um einiges bequemer an.«

In Amsterdam gründete Cláudia zusammen mit ein paar Kommiliton*innen das »van A’dam«-Ensemble, mit dem sie hauptsächlich portugiesische Musik machte. Danach ging es zum Gesangs-Masterstudium nach Kopenhagen. Und wieder dachte sich Cláudia: »Wenn es nicht klappt, dann ist es eben so« und bewarb sich in drei deutschen Opernstudios – darunter Frankfurt: »Und es hat geklappt. Da ich es bis hierher geschafft habe, denke ich, dass ich doch den richtigen Weg eingeschlagen habe.«

Erste Erfolgserlebnisse

Das erste Studiojahr der jungen Mezzosopranistin war ziemlich turbulent. Denn parallel zu ihrer Arbeit in Frankfurt schloss Cláudia Ribas ihren Master in Kopenhagen ab, wofür sie viel pendeln musste. Zum Ende der aktuellen Spielzeit ist Cláudia Ribas nach Auftritten als Dritte Dame (Die Zauberflöte) nun in Frank Martins Le vin herbé zu erleben: »Eine Musik, mit der ich bisher wenig in Berührung gekommen bin und die gar nicht so leicht zu merken ist. Und doch kommen irgendwann die Momente, in denen man denkt: Ach, das kenn ich doch. Das sind echte Erfolgserlebnisse.«

Cláudia genießt das hohe Niveau der Arbeit in Frankfurt, die internationale und herzliche Atmosphäre im Ensemble und die Kollegialität am Haus. Sie freut sich darauf, ihr Repertoire zu erweitern und weitere neue Impulse zu erhalten, um Traumpartien wie Carmen, Saint-Saëns’ Dalila oder großen Partien des Barock und des Belcanto wiederum ein paar Schritte näherzukommen.

Ein bisschen Portugal in Frankfurt

Frankfurt mit seinen zahlreichen Parks und dem vielen Grün erinnert Cláudia an ihre vorhergehenden Wohnorte Amsterdam und Kopenhagen. »Ich erlebe die Stadt als offen und multikulturell. Da fühlt man sich als Ausländerin gleich willkommen. Die große portugiesische und brasilianische Community hier macht es mir zusätzlich etwas leichter, anzukommen«, sagt Cláudia. Doch manchmal vermisst sie Portugals Wetter, Strände, das dortige Essen und die Menschen: »Weil sie so herzlich und warm sind. Wo immer du hinkommst, bist du nicht nur Gast, sondern sofort ein Teil der Familie.«

Ein Teil ihrer eigenen Familie hat Cláudia Ribas am Main sogar in Empfang genommen. Sie wohnt zusammen mit ihrer Schwester, die seit zwei Jahren für das portugiesische Konsulat in Hattersheim arbeitet. Gemeinsam führen die beiden eine weitere Familientradition fort: In ihrem Garten bauen sie Gemüse an – Zucchini, Aubergine, Broccoli, Kürbis und Wassermelone. Cláudia freut sich schon darauf, die Ernte in einem ihrer zahlreichen Lieblingsgerichte zu verarbeiten. Seit sie sich entschieden hat, das Singen zum Beruf zu machen, steht das Kochen neben Lesen und Handarbeiten an erster Stelle ihrer Hobby-Liste. Besonders gerne serviert Cláudia portugiesische Gerichte – am liebsten an einem großen Tisch im Freundeskreis.

___

Das weltliche Oratorium Le vin herbé läuft bis einschließlich 16. Juli 2023 an der Oper Frankfurt.
Text: Mareike Wink
Redaktion: Anne-Marie Antwerpen
Szenenfotos Oper Frankfurt: Barbara Aumüller

13. Juli 2023

Schreibe einen Kommentar

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.