UNTER DEM DRUCK DER ZEIT

Bernd Loebe im Gespräch mit Klaus und Guido Imbescheidt

 

60 Jahre lang begleitete die Frankfurter Traditionsdruckerei Imbescheidt und Co. die Oper Frankfurt als treuer Partner. Nach einer 140-jährigen Firmengeschichte musste das Traditionsunternehmen in fünfter Generation nun schließen. Die Oper Frankfurt verliert damit nicht nur »ihre« Druckerei und ihren Programmheft-Verleger, sondern auch eine Drucker-Familie, der es täglich auf jeden einzelnen Buchstaben in zahlreichen Publikationen ankam.

 

1951: Imbescheidt-Lieferwagen vor dem alten Schauspielhaus am Theaterplatz (heute Willy-Brandt-Platz), in dem nach dem Krieg Opernvorstellungen stattfanden © Druckerei Imbescheidt

Bernd Loebe: Ich hatte vor Kurzem ein altes Programmheft aus den 60er Jahren in den Händen.

Klaus Imbescheidt: Da habe ich ältere! Wir haben 1949 angefangen, für die Oper Frankfurt zu drucken.

Bernd Loebe: Es war immer mehr als nur eine rein geschäftliche Beziehung, oder übertreibe ich?

Klaus Imbescheidt: Es war mehr als eine geschäftliche Beziehung – es war meine Leidenschaft! Ich habe damals in Stuttgart die junge Anja Silja gehört und die Ring- und Tristan-Inszenierungen von Wieland Wagner gesehen. Und da hat es mich gepackt, ich wollte Musik studieren. Mein Vater hat mir das Musikstudium genehmigt, aber er sagte: »Du machst erstmal eine ordentliche Ausbildung, wer weiß, was mit deiner Musik passiert.« Ich habe dann allmählich gemerkt, dass er Recht hatte. Also habe ich zu meinem Vater gesagt: »Ich übernehme die Druckerei, aber ich will für die Städtischen Bühnen weiterarbeiten und diesen Bereich ausbauen. Waschmittelwerbung drucke ich nicht.«. 1964 kam ich in den Betrieb und habe mir ziemlich schnell den künstlerischen Bereich unter den Nagel gerissen: Im Laufe der Zeit kamen das Theater am Turm, der Mousonturm, später die Alte Oper, dann der Hessische Rundfunk und die Pro Arte Konzerte dazu. Die Druckerei Imbescheidt wurde die Kultur-Druckerei Frankfurts.

Bernd Loebe: Wie war es für Sie als Sohn, unter einer derart starken Persönlichkeit aufzuwachsen und eine eigene Meinung, vielleicht auch eine ganz andere Sympathie für die Musik, für das Theater, für die Städtischen Bühnen zu entwickeln?

Guido Imbescheidt:  Die starke Persönlichkeit war zweifelsohne da, andererseits hat mir mein Vater immer wahnsinnig viele Freiheiten gelassen. Davon habe ich sehr profitiert. Mein Vorteil war, dass er mich in frühen Jahren sehr viel in die Oper und ins Konzert mitgenommen hat. Dadurch bin ich mit der klassischen Musik und dem Musiktheater so vertraut geworden, dass ich bis heute sehr gerne in die Oper gehe.

Bernd Loebe: Zu einer solchen symbiotischen Zusammenarbeit gehört ja auch, dass die Städtischen Bühnen immer sehr zufrieden waren mit der Leistung von Imbescheidt. Wir haben es sehr genossen, wie flexibel und schnell Sie gearbeitet haben, – Sie waren stets da, wenn man Sie gebraucht hat.

Klaus Imbescheidt: Das war für uns eine Selbstverständlichkeit, weil wir mit dem Haus so verwachsen sind. Unsere ganze Belegschaft wusste: Überstunden können kurzfristig immer drin sein.

Bernd Loebe: 1994 gab es an der Oper Frankfurt eine Situation, in der der damalige Intendant Martin Steinhoff gesagt hat: »Ich habe kein Geld mehr für Programmhefte. Wir machen vielleicht noch einen Besetzungszettel, und das war’s.« Und da haben Sie gesagt: »Das können die Städtischen Bühnen nicht machen.«

Klaus Imbescheidt: Ja, ich habe damals zu Steinhoff gesagt: »Geld hin, Geld her, das geht so nicht, dann übernehmen wir die Programmhefte.« Er sagte: »Ihr müsst sie dann aber auch finanzieren.« Wir haben hin und her gerechnet und kamen zu der Einigung, dass die Programmhefte seitdem bei der Druckerei Imbescheidt produziert werden.

Bernd Loebe: Nun sind Sie zu der bitteren Erkenntnis gekommen, dass Ihre Firma an Grenzen stößt. Dass Sie eine Zäsur einläuten müssen. Das stelle ich mir als einen sehr schweren Prozess vor.

Guido Imbescheidt: Ein sehr schwieriger Prozess, der über Jahre gereift ist. Es ist schwer geworden, in der Druckbranche Geld zu verdienen, und wir haben schon in den letzten Jahren an allen Ecken und Enden gespart, um noch klarzukommen. Im letzten Jahr wurde es immer schwieriger und ich habe sehr konkret darüber nachgedacht, den Beendigungsschritt zu gehen. Es tut wahnsinnig weh, aus unterschiedlichsten Gründen: Da geht es um Familientraditionen, gute, lange gewachsene Beziehungen … Aber es ist andererseits bei der Entwicklung, die wir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren erlebt haben und die wir auch noch in den nächsten Jahren erleben werden, einschließlich dem, was das Virus Covid-19 gerade verursacht, der einzig sinnvolle Schritt.

Bernd Loebe: Damit meinen Sie konkret die Konkurrenz durch das Digitale?

Guido Imbescheidt: Ja, das kann man so sagen. Wir haben in der Druckindustrie deutlich darunter gelitten, dass man über das Internet Aufträge anders verteilen kann. Da gibt es einige sehr große Online-Druckereien, die zwar klassisch drucken, aber so viel günstiger sind. Das hat alles deutlich verändert. Wir stehen in einer Reihe von vielen, auch großen Druckereien im Frankfurter Raum, die alle schon zugemacht haben oder demnächst schließen werden.

Bernd Loebe: Ich denke, auch hier rede ich für viele Kolleg*innen in der Stadt, wenn ich sage, wir bedauern es sehr. Die Zusammenarbeit war immer vorzüglich, die Leidenschaft war da, Sie waren immer präsent, auch in zahlreichen Vorstellungen unseres Hauses. Da bricht tatsächlich eine Frankfurter Tradition und Institution weg, wenn es Imbescheidt nicht mehr gibt.

Klaus Imbescheidt: Wir wollen uns nicht überbewerten. Aber wenn man etwas so lange gemacht hat, tut es einem wirklich in der Seele weh.

Bernd Loebe: Welche Hoffnung haben Sie für die Zukunft der Städtischen Bühnen?

Klaus Imbescheidt: Ich habe eigentlich nur die Hoffnung, dass ihr weiterhin gute Oper macht, wo auch immer in Frankfurt. Ich persönlich habe mich so an die Theaterdoppelanlage, das Wolkenfoyer gewöhnt, dass ich mich riesig freuen würde, wenn wir das Haus so erhalten könnten. Aber ich verstehe auch, wenn es neu gebaut werden muss.

Bernd Loebe: Sie bleiben uns also treu?

Klaus Imbescheidt: Als Besucher bleiben wir Ihnen treu, solange wir laufen können. So zwölf, vierzehn Mal bin ich im Laufe einer Saison mindestens im Haus. Das soll auch so bleiben.

Guido Imbescheidt: Es ist schlimm genug, dass die Geschäftsbeziehung zum Opernhaus enden muss. Die persönliche Beziehung werde auch ich selbstverständlich aufrecht erhalten – hier wird herausragendes Musiktheater gemacht, das lassen wir uns auch in Zukunft keinesfalls entgehen!

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Das Gespräch führte Laura Salice mit Bernd Loebe und Klaus und Guido Imbescheidt im Rahmen des Opernmagazins. Bearbeitet von Juliane Lehmann und Selina Stefaniak.

 

18. November 2020

1 Response

  1. Das ist ein echter Verlust. Mit Klaus und später mit Guido Imbescheidt zusammenzuarbeiten war einfach wunderbar. Kein Druckfehler, kein sachlicher Fehler in den Programmheften entging ihnen, und so manche Layout-Verbesserung ist ihnen zu verdanken. Aber es war ja nicht allein die Arbeitsweise, die die Druckerei Imbescheidt so besonders machte. Es entstand im Lauf der Zeit ein nahezu freundschaftlicher Kontakt. Die Schließung der Druckerei bedauere ich sehr und wünsche den Imbescheidts alles Gute!
    Brigitta Hermann (Mazanec)
    ehemalige Pressereferentin der Oper Frankfurt

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