CORONA-KRISE: INTERVIEW MIT DEN SÄNGER*INNEN DES ENSEMBLES

Seit mehr als vier Wochen steht der Betrieb der Oper Frankfurt still – so wie ganz Deutschland. Was bedeutet es für Profisänger*innen, die Proben und Vorstellungen zu unterbrechen? Ist ein Weiterarbeiten im Homeoffice überhaupt möglich? Stellvertretend für das Ensemble der Oper Frankfurt haben wir mit den Sänger*innen Michael McCown, Liviu Holender, Dietrich Volle und Barbara Zechmeister gesprochen.

Wie sehen Ihr Alltag und der der anderen Sänger*innen des Ensembles aktuell aus?

Michael McCown: In vielerlei Hinsicht sieht mein Alltag aus wie der vieler anderer. Zusätzlich zur Arbeit, die ich von zu Hause aus leisten kann (üben, Texte und Töne lernen, szenische Einstudierung über Videoaufnahmen), lese ich viel, treibe etwas Sport, koche mit meiner Frau, beschäftige mich mit Ausmisten und verweile ab und zu auf der Couch.

Liviu Holender: Der täglich routinierte Betrieb von Proben und Korrepetition und vor allem die Vorstellungen fehlen natürlich sehr. Ich nutze die Zeit, um mich auf neue Partien für die nächste Saison schon frühzeitig vorzubereiten, oder auch Repertoire zu studieren, zu dem ich im normalen Betrieb wenig Zeit habe, wie Lieder.

Dietrich Volle: Jeder versucht, sich gesanglich fit zu halten und seine Gesangspartien, die vor ihm liegen, musikalisch einzustudieren. Ensembleproben sind natürlich leider nicht möglich. Und singen können nur wenige zu Hause, ich persönlich habe die Möglichkeit.

Barbara Zechmeister: Mein Alltag ist zurzeit, wahrscheinlich wie bei allen Mitmenschen und in großem Kontrast zu meinem »normalen Alltag«, sehr stark von den digitalen Medien beherrscht. Vom Austausch mit der Familie, Freunden und Kolleg*innen im Hinblick auf Gesundheit und die neuesten Informationen bezüglich der Corona-Entwicklung.

Haben jetzt alle Zwangspause oder geht die Arbeit weiter? Welche neuen Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Michael McCown: Bei mir hört die Arbeit nie auf. Selbst in der Sommerpause muss ich üben. Ich kenne manche Kolleg*innen, die sich problemlos tage- bzw. wochenlange Pausen gönnen können. Ich bin leider einer, der immer am Ball bleiben muss, ob in der Spielzeitpause oder in der jetzigen Quarantäne. Zum Glück ist unsere Kirche um die Ecke und erlaubt es mir, dort zu üben, so komme ich in keinen Streit mit der Nachbarschaft (lacht).

Liviu Holender: Bei mir persönlich ist es momentan besonders schwierig, weil ich in den Bergen in Lech am Arlberg, Österreich, in einem kleinen Dorf in Quarantäne eingeschlossen bin. Zwar bin ich ganz gesund und wohlauf, aber das Üben findet für mich hauptsächlich draußen in den Bergen und im Skikeller statt, da ich in einer sehr kleinen Einzimmerwohnung mit meinen Eltern hier bin.

Dietrich Volle: Wie Sportler müssen auch wir trainieren, um in Form zu bleiben.

Barbara Zechmeister: Die Arbeit für die Oper läuft bei mir weiter, wie auch bei anderen Spielpausen, mit regelmäßigen stimmtechnischen Übungen und Lieder-, oder Partienstudium, um wie im Sport fit zu bleiben. Neben meinem Opernengagement unterrichte ich Gesang am Konservatorium – dieser Unterricht findet zur Zeit per Skype im Homeoffice statt, was den normalen persönlichen Kontakt nicht ersetzen, aber in diesen Zeiten doch einen Lernprozess weiterführend begleiten kann. Zum Glück habe ich tolerante Nachbarn, die sich bis jetzt nicht von meinen erhöhten Sing-Aktivitäten zu Hause gestört fühlen. Normalerweise übe ich verstärkt in der Oper, um nicht zu sehr zu stören, dies ist ja momentan auch nicht möglich. Durch die Tragfähigkeit unserer Stimmen sind wir doch ziemlich laut für »normale« Räume …

Wie war dieser Moment, als Sie erfahren haben, dass die Proben ab sofort nicht mehr möglich sind?

Michael McCown: Ich war, als die Vorstellungen vorerst abgesagt wurden, bei Salome beteiligt. Für Peter Grimes und Das Schlaue Füchslein hatten die szenischen Proben noch nicht angefangen. Ab diesem Moment hörte mehr oder weniger alles für mich auf einmal auf. Für mich war das gleichzeitig überraschend, absolut verständlich und auch beruhigend, denn wir haben bei szenische Proben immer sehr engen Kontakt, geschweige denn von der ganzen Luft, die durch das Singen im Raum »gestreut« wird.

Liviu Holender: Ich persönlich hatte das Glück meine Produktionen im Februar »abgespielt« zu haben, und es war gerade eine Pause bis zum Start der Proben für Don Giovanni.

Dietrich Volle: Die angelaufenen Produktionen Salome und Romeo und Julia auf dem Dorfe wurden komplett gestoppt, das ist natürlich ein Desaster. Und keiner kann sagen, was und wann wieder anläuft.

Barbara Zechmeister: Nach dem ersten radikalen Stopp aller Proben in der Oper entstand ein unwirkliches Gefühl. Ich war in der musikalischen Vorbereitung für die Wiederaufnahme-Proben des Rosenkavaliers, zunächst allein mit Takeshi Moriuchi, unserem Studienleiter. Er hatte die ersten Ensembleproben mit Kolleg*innen geplant, teilweise auch mit dem Dirigenten Stefan Soltesz – diese konnten jetzt nicht stattfinden. Ich arbeite nun allein daran, meine Partie wieder »in die Stimme zu bekommen«, auswendig zu lernen und arbeite mit dem Video der Vorstellung, um szenisch präpariert zu sein. In der Hoffnung, ab dem 20. April wieder real mit meinen Kolleg*innen arbeiten zu können …

Wie bleiben Sänger*innen des Ensembles jetzt in Kontakt?

Michael McCown: Die technologischen Entwicklungen der letzten 20 Jahren sind generell für Sänger*innen ein Riesen-Vorteil. Schon länger bleiben wir dadurch mit unseren Familien- und Freundeskreisen im Ausland verbunden. Jetzt wird das auch für die nähere Umgebung umgestellt. Anrufe, FaceTime, WhatsApp-Videogespräche sind alles wunderbare Mittel, um Freundschaften zu pflegen.

Liviu Holender: Musizieren erfordert natürlich den persönlichen Kontakt, vor allem das Arbeiten im gemeinsamen Raum und mit derselben Akustik. Jedoch habe ich entdeckt, dass es auch möglich ist über FaceTime oder Skype mit meinen Gesangslehrern und sogar auch Pianisten zu arbeiten. Natürlich ersetzt das nicht die »echte« gemeinsame Arbeit, aber da diese momentan nicht möglich ist, ist es besser als nichts, und nach einigen Stunden gewöhnt man sich daran. Vor allem ist es auch eine wichtige mentale Beschäftigung und Ablenkung von dem »Quarantäne-Alltag«, sich intensiv gemeinsam mit der technischen und musikalischen Erarbeitung von neuen Repertoires zu beschäftigen. Wir schicken uns auch oft Aufnahmen und tauschen uns dann darüber aus.

Barbara Zechmeister: Mit meinen Kolleg*innen kommuniziere ich über WhatsApp und Facebook – die Gruppen dafür existieren schon länger, sind aber gerade stärker als sonst frequentiert, z.B. bezüglich unserer Arbeitssituation an der Oper, oder in ganz persönlichen Fragen. Der Zusammenhalt ist groß.

Gibt es etwas Positives, das Sie aus dieser schweren Zeit mitnehmen können?

Michael McCown: Ich finde es beeindruckend, wie sehr die Verbindung zu Live-Aufführungen und Proben fehlt. Das Erlebnis, die Freund*nnen und Kolleg*innen im Moment ihres Schaffens zu erfahren, ist ein großer Teil meiner Freude an diesem Beruf, und ich freue mich, wenn das weiter gehen darf!

Liviu Holender: Während des laufenden Betriebs fehlt einem oft die Zeit, sich ruhig und stresslos mit dem Erarbeiten von neuen Partien zu beschäftigen. Nun ist die Zeit da, um sich langsam dieser Arbeit anzunehmen. Diese schwere Zeit hilft einem auch, die Wichtigkeit und Wertigkeit von Proben und Korrepetitionsstunden wertzuschätzen. Ich habe mich noch nie im Leben so auf die nächste Korrepetitionsstunde oder Probe gefreut, wie nach dieser Corona Krise …

Dietrich Volle: Positives kann ich an meiner Arbeitssituation nicht erkennen, wir sind auf reale Kreativität angewiesen, darin liegt ja auch unsere Stärke als Ensemble. Zu Hause in der stillen Kammer bleiben wir ohne Wirkung.

Barbara Zechmeister: Spannend ist, dass sich auch auf diesen digitalen Wegen der soziale Zusammenhalt spüren lässt und es neue Methoden und Portale gibt, den Kern unserer Arbeit zu verbreiten. Auch wenn wir manches vielleicht auch danach beibehalten können, hoffen wir natürlich alle, möglichst bald wieder zusammen auf der Bühne zu stehen und ein Live-Publikum berühren zu dürfen. Dies ist uns ein Anliegen und kann durch kein digitales Medium komplett ersetzt werden.

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Dies war der dritte und letzte Teil der Interview-Reihe der Oper Frankfurt zur Corona-Krise, geführt von Linda Herrmann. Lesen Sie auch unser Interview mit Intendant Bernd Loebe oder das Interview mit den Direktoren von Orchester und Chor, Andreas Finke und Tilman Michael, hier auf unserem Blog.

13. April 2020

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