HINTER DEN KULISSEN: DIE SOUFFLEURIN

Vorsagen als Beruf

Wenn das Publikum am Abend die SängerInnen der Oper Frankfurt mit tosendem Applaus feiert, sitzt sie stets abseits »in der Gasse« – und das, obwohl sie seit Jahren einen großen Beitrag zum Erfolg einer Produktion leistet. Barbara Kornek ist Opernsouffleurin und hilft immer dann, wenn der Textfluss in den Proben stockt.

Die Berufsbezeichnung kommt aus dem Französischen und bedeutet wörtlich »Einpuster«.

In Opern ist das Vorsagen in der Regel nur während der Dialoge möglich. Barbara Kornek kennt ihre »Pappenheimer« und kann wie kaum eine andere im gesprochenen Text Denkpausen von sogenannten »Hängern« unterscheiden. Sie weiß, welche SängerInnen schneller lernen als andere, wer sich bis zum Ende der Probenphase auf sie verlässt und wer womöglich auch für eine der ersten Vorstellungen um Hilfe bittet.

Aus optischen Gründen gibt es seit den 1990er Jahren keinen Souffleurkasten auf der Bühne der Oper Frankfurt.

Und selbstverständlich beherrschen SängerInnen ihre Partien, ohne auf die Hilfe professioneller Einflüsterer angewiesen zu sein. Doch manchmal muss für die Abendvorstellung ein Sänger schnell umbesetzt werden, weil der ursprünglich vorgesehene krank ist, und es stellt sich heraus, dass die- oder derjenige zwar alles Musikalische perfekt beherrscht, den Dialog aber in der Version einer anderen Inszenierung einstudiert hat. Und dann kann es sein, dass Barbara Kornek am Abend hochkonzentriert auf einem Stuhl in der ersten Bühnengasse sitzt. Sie ist in Sachen Text sozusagen der sichere Hafen, falls eine Sängerin oder ein Sänger Schiffbruch erleiden sollte – ihre Anwesenheit darf nicht stören, und dennoch steht sie als Rettungsanker zur Verfügung. Zudem souffliert Barbara Kornek gerade in den ersten Proben die Textanfänge der musikalischen Phrasen zeitversetzt – d. h. deutlich vor dem Einsatz der Sängerin bzw. des Sängers. Sie kann es sich nicht leisten, auch nur einen Augenblick unkonzentriert zu sein. Mit einem hohen Maß an Empathie fühlt sie mit den KünstlerInnen, verfügt über Menschenkenntnis und viel Geduld. Als ausgebildete Sängerin kann sie nicht nur Noten lesen und hat eine belastbare Stimme, sondern verfügt auch über Fremdsprachenkenntnisse.

Wenn in Opern lange Dialogtexte in deutscher Sprache vorkommen wie in der Zauberflöte oder wenn Operetten wie Die lustige Witwe mitunter mit SängerInnen besetzt sind, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, ist Barbara Kornek nicht nur als Souffleurin, sondern viel mehr noch als Sprachcoach gefragt. Vieles wird von den SängerInnen mit Sprachaufnahmen notiert und zu Hause einstudiert. Da geht es um die richtige Betonung von Wörtern, über deren Aussprache sich Nichtmuttersprachler manchmal wundern. Für eine Amerikanerin ist es unsagbar schwer, ein Wort wie »pfeilschnell« auszusprechen. Tricksen, Synonyme finden statt zu üben, ist natürlich keine Option, weil genau dieses vermeintlich schwer auszusprechende Adjektiv im Libretto der Zauberflöte ebenso notiert ist wie »Zypressenwäldchen«.

Barbara Korneks Arbeit beginnt meist eine halbe Stunde vor der jeweiligen Probe oder Vorstellung. Die Souffleurin holt sich den Klavierauszug aus ihrem Büro, trinkt noch einen ordentlichen Schluck Wasser, begibt sich auf die Probebühne und nimmt vor einem für sie aufgestellten Notenständer Platz. Hellwach ist sie, folgt der kompletten Probe Takt für Takt, denn stets kann es passieren, dass ein Kollege Hilfe braucht und sie ihm diskret etwas vorsagen muss – so laut, dass sie oder er es versteht, und dennoch so dezent, dass es ein Dritter kaum mitbekommt.

Von Deborah Einspieler

 

*Den vollständigen Artikel finden Sie im aktuellen Opernmagazin und auf der Homepage der Oper Frankfurt.

16. November 2018

Schreibe einen Kommentar